Litteraturbericht 395 dafs die Versuche nicht erlauben, neben dem Verhältnis der Gleichheit ein zweites isoliertes Verhältnis, sondern dafs sie nur gestatten, ein Gebiet von Verhältnissen als besonders wohlgefällig zu bezeichnen. Aus diesen und anderen nicht neuen, aber zwingenden Gründen weist der Verfasser die Meinung, als sei das mathematische Verhältnis des goldenen Schnittes als solches der Grund des Wohlgefallens, zurück. Er setzt da¬ gegen die Erklärung, dafs es sich um eine Kontrasterscheinung handle. In der That wird es so sein, nur dafs dieser Kontrast richtig bestimmt werden mufs. Ich meinesteils erachte ihn als richtig bestimmt, wenn man darunter versteht ein Verhältnis zweier zu einer einheitlichen Gesamtform zusammenwirkender formbildender Faktoren (Funktionen, räumlicher Thätigkeiten oder Verhaltungsweisen), das so geartet ist, dafs einerseits einer der Faktoren über den anderen das entschiedene Über¬ gewicht hat und damit den Grundcharakter der Form eindeutig bestimmt, andererseits doch zugleich, innerhalb der dadurch bezeichneten Grenzen, beide in relativem Gleichgewicht stehen, d. h. sich nach Möglichkeit, jeder in seiner Eigenart, auswirken. Damit erscheint das Verhältnis des goldenen Schnittes oder die wohlgefälligste Annäherung an dasselbe als Beispiel der Anwendung eines allgemeinen ästhetischen Prinzips. Ich bemerke noch, dafs es in der Abhandlung an wertvollen Einzel¬ bemerkungen nicht fehlt. Andere, weniger glückliche, vor allem die¬ jenigen, in denen Augenbewegungen eine psychologisch unmögliche Rolle spielen, verdanken wohl Schultraditionen ihr Dasein. Th. Lipps. L. Preis. Analyse der Begehrungen und deren Begriffsbestimmung mit kritischer Rücksicht auf die Ansichten der HERBARTschen Schule. Zeitschr. f. exakte Phüos. Bd. 20. S. 263—282. (1893.) — Kritische Beiträge zur Analyse der Gefühle. Ebd. S. 282—300. Fufsnoten belehren uns darüber, dafs die erste dieser Abhandlungen 1859, die zweite 1861 als Gymnasialprogramm in Görz zuerst gedruckt worden sei. Der ersten ist aufserdem eine empfehlende Besprechung von Volkmann aus dem Jahre 1860 beigegeben. „Kur Ansichten der HERBARTschen Schule“ werden natürlich in beiden Aufsätzen hervor¬ gehoben, und sicherlich sind sie nicht aus historischem Interesse in der Zeitschr. f. exakte Philos. reproduziert worden. Auf ihr klassisches Alter deutet übrigens nicht nur die Methode der Untersuchung und die keusche Zurückhaltung gegenüber den ungestümen Fortschritten der Psychologie in den letzten 40 Jahren, sondern auch die mehrfache Korruption des Textes, die zur Konj ekturalkritik schönen Anlafs bietet. O. Külpe (Würzburg). Alfred Binet et Victor Henri. Les actions d arret dans les phénomènes de la parole. Revue philosophique. Bd. 37. S. 608—620. (1894 Nr. 6.) Die Verfasser haben es unternommen, eine Anzahl Phänomene der Bewegungshemmung im Gebiete der Sprechbewe^ungen zu