312 Litter aturbericht. eigenen, einem anderen gleich- oder fremdgeschlechtlichen Körper oder selbst von einem Tierleibe ausgeht. Für gewöhnlich aber entwickelt sich das Geschlechtsgefühl weiter durch Differenzierung und zwar entweder normal zur Heterosexualität, oder pathologisch zur Homosexualität. Normaliter vertieft sich das sexuelle Organgefühl in den Pubertäts¬ jahren durch den Hinzutritt höherer Gefühle, der Neigung zum anderen Geschlecht, Heterosexualität, wobei noch ein ästhetischer Faktor, die Bevorzugung äufserlich schöner Personen, und ein s o zialer Faktor, der in dem Bedürfnis des Zusammenseins und in dem Unbehagen der Einsamkeit besteht, eine Eolle spielen. Die höchste Stufe des Diffe¬ renzierungsprozesses ist die Liebe zu einer einzigen Person des anderen Geschlechtes, die „nicht als Trägerin einer oder mehrerer Eigenschaften, sondern als diese einzige und inkommensurable Individualität geliebt wird“. Die höchste Liebesleidenschaft, die sich über alles, über Gesetz, Verlust von Leben, Stellung und Ehre hinwegsetzt, erinnert stark an die Zwangsvorstellungen, so dafs es fast scheint, „die monopolisierende Liebe sei eine Neurose, ein Verliebter (im höchsten Sinne der Diffe¬ renzierung) ein Entarteter, aber sie ist nicht als pathologisch anzusehen, denn im Gegensatz zu den zwecklosen und das Individuum schädigenden Äufserungen der Zwangsvorstellungen sind selbst die extravagantesten Handlungen des Verliebten „zweckmäfsig in Bezug auf das erstrebte Ziel, und dies Ziel selber besitzt Berechtigung. Die Vereinigung mit dem geliebten Wesen ist ein höchster Zweck und fördert die Persön¬ lichkeit in unvergleichlichem Mafse“. Von der Entstehung der Homosexualität (Uranismus und Triba- dismus) hat sich Verfasser folgende Vorstellung gebildet: Während der normale Mensch sich von den in der Zeit des undifferenzierten Ge¬ schlechtsgefühls häufiger als die fremdgeschlechtlichen auf ihn wirkenden gleichgeschlechtlichen Eindrücken später loslösen kann, steht der Homo¬ sexuelle „erstens unter dem Drucke einer ihm nahestehenden Neigung zur Perversität, die ihm von Eltern oder Grofseltern überkommen ist, zweitens ist er zu wenig widerstandsfähig, um sich von den quantitativ überwiegenden homosexuellen Eindrücken zu befreien, und drittens kann, was aber wohl nicht oft vorkommt, die Übermacht der Beizungen von seiten Gleichgeschlechtlicher zufällig so stark sein, dafs die normale Anlage selbst bei ganz gesunden Personen nicht zum Durchbruch gelangt.“ Peretti (Grafenberg). v# Schrenck-Notzing. Ein Beitrag zur psychischen und suggestiven Behandlung der Neurasthenie. Berlin, Herrn. Brieger. 1894. 48 S. Das Wesentliche der vorliegenden Arbeit bilden 85 kurze Kranken¬ geschichten und eine Anzahl statistischer Tabellen, aus fremdem und eigenem Beobachtungsmaterial zusammengestellt. Es ergiebt sich daraus, dafs ca. V3 der Neurastheniker auf suggestivem Wege geheilt werden kann; 36% wurden gebessert, 30% zeigten keinen Erfolg, davon waren