120 Litteraturbericht. Ausbildung schliefsen dürfen auf die Leistungsfähigkeit in psychologischen Vorgängen. Wenn in der Tierreihe zuerst hei den Reptilien sich eine wohlausgebildete Hirnrinde zeigt, und wenn die Anatomie darthut, dafs diese ganz vorwiegend nur mit dem Riechapparat verknüpft ist, so wird der Schlufs nicht anzufechten sein, dafs die älteste Rindenthätigkeit bei der seelischen Verwertung von Riecheindrücken einsetzt. Dieser Schlufs ist dann ebenso fest ziehbar, als er sich etwa aus der Beobachtung — mühsam genug wäre sie — von Reptilien im Vergleich zu den rinden¬ losen Fischen ergeben würde. So erscheint die Ansicht wohl gerecht¬ fertigt, dafs der Psychologie nicht nur auf dem Wege der Beob¬ achtung seelischer Vorgänge ein Fortschritt erwächst, sondern auch aus der Möglichkeit, dafs Leistungen aus dem Aufbau des Seelen organes heraus erschlossen werden können. Namentlich da wird sich diese Art der Untersuchung als nützlich erweisen, wo die Funktionen, welche sich an die normale Existenz ganz bestimmter Rindenteile knüpfen, bereits besser bekannt sind. Ich glaube, dafs man wohl berechtigt ist, aus der gröfseren Aus¬ bildung des Occipitallappens etwa oder der Rindenpartien um die Zentral¬ furche auf die Möglichkeit gröfserer seelischer Leistungsfähigkeit mit den Augen oder etwa mit den Extremitäten zu schliefsen. Beim Elefant finde ich z. B. dorsal von den Rindenpartien, welche lokali- satorisch als Zentren für das Antlitzgebiet bekannt sind und dicht am kaudalen Pole der zweiten Stirnwindung ein grofses Rindenfeld, welches dem Nashorne vollständig fehlt und auch sonst nirgends analog zu sehen ist. Es entspricht wohl dem psychischen Zentrum für die seelische Verwertung der Rüsselbewegungen. Wüfste ich gar nichts von diesen Fähigkeiten, so wäre dennoch der Schlufs gerechtfertigt, dafs irgendwo im mimischen Gebiete bei diesem Tiere eine besonders grofse Möglichkeit zu auf Erinnerung eingeübten Bewegungen vorhanden sein mufs, ja es liefse sich, wenn man alle Verbindungen des Rüsselfeldes kennte, recht wohl ermitteln, was alles das Tier mit seinem Rüssel ausführen könnte. Beobachtung der Funktion und Beobachtung des Organes, an welche diese geknüpft ist, wirken einander ergänzend fördernd. Es ist nun kein Zweifel, dafs man bisher eifrig in der Beobachtung der Erscheinungen des Seelenlebens begriffen, noch den Nutzen nicht genügend gewürdigt hat, der für ihre Klarstellung aus den erwähnten Wechselbeziehungen zu erreichen ist. Überall finden sich zwar schon Ansätze, aber so recht zielbewufst ist man anscheinend noch nicht vor¬ gegangen. Namentlich ist von den nun einmal sicher gestellten That- sachen der Rindenlokalisation und von den anatomischen Erfahrungen über die Gröfsenbildung der einzelnen Rindenfelder noch nicht der volle Vorteil gezogen. Versucht man aber einmal, sich hier nicht halb, sondern ganz auf den Boden des bereits Ermittelten zu stellen, so ergeben sich für viele Dinge relativ einfache Verhältnisse, und in noch mehreren erheben sich neue Fragen, deren Beantwortung nicht allzuschwer sein und zur weiteren Klarstellung vieler kaum noch in Begriff genommener Teile der Seelenlehre beitragen wird. Diesen Versuch macht die treff¬ liche kleine Schrift, welche hier angezeigt werden soll. Ich möchte sie