592 Akademische Ansprachen. Mineralogie im engeren Sinne, d. h. als Kenntnis der Mineralspezies und ihrer Kristallformen, sich kaum be- gründen und umgrenzen zu lassen. Auf diesem Stand¬ punkte, wo die Schranken von Raum und Zeit fallen und wo es keine Qualität mehr gibt, hat es keinen rechten Sinn, eine Reihe von Naturgegenständen, von unorganischen Individuen, beschreibend zusammenzufassen weil sie zufällig Bestandteile der uns zum Wohnsitze dienenden Erdrinde sind. Den alltäglichen Erzeugnissen der Laboratorien, Fabriken und Schmelzöfen, den kristal¬ lisierten organischen Verbindungen, welche in der kristallographischen Optik neben Turmalin, Quarz und Kalkspat eine wichtige Rolle spielen, steht bei dieser Art von Betrachtung gleiches Recht zu mit Gebilden, die vor ungezählten Jahrtausenden in den Abgründen des noch in dissoziierender Urglut flammenden Erdballs entstanden. Ja sie haben vor diesen voraus, daß wir die Be¬ dingungen ihres Entstehens kennen und nach Belieben her¬ beizuführen vermögen, während die Bedingungen, unter denen die meisten Mineralien wurden, mehr als unbe¬ kannt, unvorstellbar, geschweige herstellbar sind. Die anerkannte Schwierigkeit, ein System der Mineralogie aufzustellen, scheint der kritischen Aufhebung des Be¬ griffes dieser Wissenschaft das Wort zu reden, indem darin das Zufällige in der Wahl der von ihr umfaßten Naturkörper und die Abwesenheit eines leitenden und fortzeugenden Gedankens sich offenbart. Allein Betrieb und organische Gliederung der Wissen¬ schaft lassen sich nicht von solcher der Wirklichkeit ent¬ rückten Höhe der Weltanschauung umformen und be¬ herrschen. Gleichviel ob mit d’Alembert’s vorsichtigem Tiefblick oder mit Auguste Comte’s keckem Radikalis¬ mus begonnen, nichts blieb jederzeit unfruchtbarer als das Unternehmen, ein rationelles System der Wissen¬ schaften zu entwerfen und zur Geltung zu bringen. Un weigerlich behauptet geschichtliche Entwickelung 1 * Recht. Die Mineralogie, wie. Agricola sie schuf un^ wie sie seit drei Jahrhunderten als Zweig der Na ur beschreibung sich entfaltete, ist eine aus praktisc e Bedürfnis wie aus theoretischem, einer gewissen RlC^ tung zugewandtem Forschungstriebe mit Natur