I. Die Landessaaizuchianstali Allgemeine Entwicklung und Tätigkeit der Anstalt 1902—1952 I. Voraussetzungen zur Gründung der Landessaatzuchtanstalt Volkswirtschaftlich bedeutsame Ereignisse haben im Lauf des 19. Jahrhun¬ derts in Deutschland die Notwendigkeit und die Voraussetzungen für eine all¬ gemeine Intensivierung der Landwirtschaft geschaffen. Die stürmische Indu¬ strialisierung eines bisher vorwiegenden Agrarstaates, das rasche Anwachsen der Bevölkerung in ständig.sich vergrößernden Städten haben in Deutschland von 1800—1902 eine Bevölkerungszunahme von 37,5 Millionen Menschen bewirkt und den deutschen Nahrungsmittelbedarf gewaltig ansteigen lassen. 1950 verfügt das Bundesgebiet für 100 Einwohner über 29 ha landwirtschaftliche Nutzfläche, vergleichsweise für die gleiche Personenzahl Frankreich 81 ha, USA 125 ha, Canada 214 ha. Auf landwirtschaftlichem Gebiet zeichneten sich gleichlaufend mit dieser Entwicklung neue wissenschaftliche Erkenntnisse ab, welche als Marksteine in der Geschichte der Produktionssteigerung von Nahrungsmitteln bezeichnet wer¬ den können. Die Arbeiten Albrecht Thaers1) haben anfangs des vorigen Jahr¬ hunderts den Übergang der alten Dreifelderwirtschaft zum modernen Frucht¬ wechsel eingeleitet. Die Gründung der ersten Zuckerfabrik durch F. K. Achard (1801) in Cunern (Schlesien) hat die Voraussetzung für einen ständig zunehmen¬ den Zuckerrübenbau geschaffen. Die umwälzenden Arbeiten Justus v. Liebig’s2) über Agrikulturchemie und die Mineralstoffernährung der Pflanzen leiten eine weitere Epoche der Ertragssteigerung ein, während fast gleichzeitig Schultz- Lupitz (1855) mit Hilfe der stickstoffsammelnden Gründüngungspflanze „Lupine“ neue Wege für die Leistungssteigerung der ausgedehnten ärmeren Sandböden Mittel- und Norddeutschlands beschritt. Fruchtfolgeverbesserung, Mineralstoffdüngung, Gründüngung und Zucker¬ rübenbau sind somit die wirkungsvollsten Maßnahmen zur Hebung der Boden¬ fruchtbarkeit gewesen. Ergänzt wurden diese Maßnahmen durch einen verstärk¬ ten Kartoffel- und Ackerfutterbau, welch letzterer insbesondere durch die Ein¬ führung des Rotkleebaues maßgeblich verbessert wurde3). Schließlich hat auch eine gründlichere und intensivere Bodenbearbeitung zur Hebung der Boden¬ fruchtbarkeit wesentlich beigetragen. Im Getreidebau entsprachen die bisher angebauten alten Landsorten ertragsmäßig bald nicht mehr diesen verbesserten Wachstumsbedingungen. Die Zeit für den Pflanzenzüchter war gekommen. 1) A. Thaer: Grundsätze der rationellen Landwirtschaft (1812). 2) J. v. Liebig: Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie (1840). 3) J. C. Schubart, Edler von Kleefeld (1734—1789) gliederte den Rotklee- und Kartoffelbau in die alte Dreifelderwirtschaft ein.