1029 Ueber Züchtung neuer Getreiderassen mittelst künstlicher Kreuzung. Kritisch-historische Betrachtungen. Von Dr. Erich Tschermak Privatdocent an der Hochschule für Bodencultur in Wien. Durch die Erneuerung der Mendel’schen Lehre von der gesetzmässigen Werthigkeit der Merkmale erscheint die Züchtung neuer constanter Pflanzenformen mittelst künstlicher Kreuzung auf eine neue, rationelle Basis gestellt. Bei Beachtung jener Grundsätze gestaltet sich die willkürliche Combinirung bestimmter Eigenschaften von verschiedenen Elternsorten wesentlich sicherer und einfacher, als bei dem rein empirischen Kreuzungs- und Selectionsverfahren. Die MendePsche Lehre und ihr neuerer Ausbau durch die Arbeiten von de Vries, Gorrens und mir soll hier nicht in extenso wiederholt werden.1) Dieselbe hat aller¬ dings leider nicht allenthalben eine ganz zutreffende Wiedergabe und Würdigung gefunden; in einer solchen müsste doch das selbständige Verhalten der Merkmale, also die Bildung neuer, theilweise oder durchwegs constanter Merkmalscombinationen oder Zwischenformen zwischen den Eltern als punctum saliens hervorgehoben werden. Waren meine bisherigen Studien an Erbsen und Bohnen wesentlich der Erneuerung und Schaffung der unentbehrlichen theoretischen Voraussetzungen gewidmet, so sei im Folgenden die Vorarbeit zum Versuche einer praktischen Verwerthung jener wissenschaftlichen Lehren, und zwar an ver- ') Das Nähere siehe: „Ueber künstliche Kreuzung bei Pisum sativum,’’ Zeitschrift für das landwirtschaftliche Versuchswesen in Oesterreich. 5. Heft, 1900 und „Weitere Beiträge über Verschiedenwertbigkeit der Merkmale bei Kreu¬ zung von Erbsen und Bohnen”. Ebenda 6. Heft, 1901. Zeitschr. f. d. landw. Versuchswesen i. Oesterr. 1901. 69