Über den Gehalt des normalen Menschenharns an Aminosäuren. Von Emil Abderhalden und Alfred Schiffenhelm. (Aus «lern I. chemischen Institut der Universität Herling (Der Redaktion zugegangen am 1. März 15)06.) Bis vor kurzem galt das Auftreten von freien Aminosäuren im Harn als ein Zeichen einer Störung im normalen Ablauf des intermediären Eiweißstoffwechsels. In diesem Sinne sind die Befunde der einfachen Eiweißspaltprodukte im Urin auch gedeutet worden. Vor allem ließen sich solche nachweisen, wenn aus irgend einem Grunde das Oxydationsvermögen des Organismus schwer gestört war. So wurde z. B. Tyrosin beim Coma diabeticum beobachtet,1} während in der anfallsfreien Zeit keine Aminosäuren im Urin nachweisbar waren. Andererseits fanden wir Tyrosin nach einer schweren Narkose.2) Ferner gelang uns der Nachweis, daß bei der Cystinurie die Anomalie im Eiweißabbau nicht auf die eine Aminosäure, das Cystin, be¬ schränkt zu sein braucht, denn in unserem Falle vermochten wir außerdem noch Tyrosin und Leucin zu gewinnen. Wir wollen noch erwähnen, daß der Befund von Glykokoll im Urin von Gichtkranken3) vielleicht nicht mit einer Störung des Ei¬ weißstoffwechsels zusammenhängt, sondern als eine solche des I larnsäurestoffwechsels aufzufassen ist. !) Emil Abderhalden, Abbau und Aufbau der Eiweißkörper im tierischen Organismus. Diese Zeitschrift, Hd. XL1V, S. 40, 1905. *) Emil Abderhalden und Alfred Schittenhelm, Ausschei¬ dung von Tyrosin und Leucin in einem Falle von Cystinurie. Diese Zeitschrift, Bd. XLV, S. 468, 1905. 8) A. Ignatowski, Über das Vorkommen von Aminosäuren iin Harn, vorzugsweise bei Gicht. Ebenda, Bd. XL1I, S. 388, 1904. — Vgl. auch A. Lipstein, Die Ausscheidung der Aminosäuren bei Gicht und heukämie. Hof m eist er’ s Beiträge, Bd. VII, S. 527, 1905, und Gunnar I orssner, Über das Vorkommen von freien Aminosäuren im Harne und deren Nachweis. Diese Zeitschrift, Bd. XLVII, S. 15, 1906.