368 LitteraturbericM. doppelten Gesichtspunkte begründet er seine Thesen in zwei Kapiteln, deren erstes das Störende der Immoralität vonseiten der ästhetischen Lust behandelt, während das zweite denselben Punkt von den objektiven Elementen des Schönen aus zu erhärten sucht. In der ersten Beweisführung steht der Begriff der Harmonie der menschlichen Organisation im Mittelpunkte. Das unsittliche Kunstwerk kann die Gefühlswirkung des Schönen nur unvollkommen erreichen, weil diese Harmonie im Nachempfinden beeinträchtigt wird. Im zweiten Kapitel kommt dieselbe centrale Bedeutung dem Begriffe der Propor- tioniertheit zu. Das objektiv Schöne ist sinnliche Darstellung des Ideals, zugleich aber eine Beproduktion der Wirklichkeit, der der Künstler den Stempel seiner Persönlichkeit aufprägt. Unter den Elementen des Schönen kommt aber eine besondere Bedeutung der Proportioniert- heit zu; Unproportioniertheit ist ein Element der Häfslichkeit. Natür¬ lich ist nun das Unmoralische ein Unproportioniertes, und wir sind \yieder bei einem Quod erat demonstrandum angelangt. A. Döring. Benjamin Jves Gilman. Report on an Experimental Test of Musical Expressiveness. Americ. Journ. of Psychol. IV. 4 u. V. 1 (50 S.). (1892). G. schildert uns hier ein in mancher Hinsicht interessantes musik¬ psychologisches Experiment. Zu dem Zwecke, die Ausdrucksfähigkeit der Musik zu untersuchen, veranstaltete er ein Konzert. Die Hörer, denen das Programm unbekannt blieb, bestanden aus 16 Herren und 12 Damen, unter ihnen kein Musiker von Fach, dagegen einige direkt unmusikalische Individuen. Vor Beginn jedes Stückes wurden Fragen gestellt, betreffend die Vorstellungen bezw. Stimmungen,, die das Stück in dem Hörer erweckte; letzterer hatte dann nach Beendigung des Stückes eine Antwort sogleich in ein Notizbuch einzutragen, natürlich unter Ver¬ meidung eines jeden vorherigen Gedankenaustausches. Die angewandten Instrumente waren Klavier und Violine; Gesangspartien Wurden wegen der störenden Associationen, die sich leicht an den Text anschliefsen konnten, nicht von der menschlichen Stimme, sondern von der Geige wiedergegeben. Die meisten Stücke wurden mehrmals gespielt ; das Konzert währte ungefähr 4 Stunden. G. teilt uns zuerst 11 der vor¬ gelegten Fragen nebst sämtlichen darauf ergangenen Antworten mit und knüpft im zweiten Teil an jede Antwortserie Auseinandersetzungen und Folgerungen, indem er die wahre Bedeutung, den eigentlichen Inhalt eines Musikwerkes darnach bemifst, wie weit sich Übereinstimmungen in den Urteilen der Majorität der Hörer finden. Soviel über den Thatbestand. Bevor wir zur Besprechung der Resultate übergehen, noch einige Worte über den wissenschaftlichen Wert des Experimentes. Dasselbe ist unleugbar nichts weniger als einwurfsfrei. Vor allem durfte der Versuch nicht an einem so zusammen¬ gesetzten, die verschiedenartigsten Bestandteile in sich enthaltenden Gebilde, wie ein ganzes Musikstück es ist, gemacht werden. Dasselbe erzeugt stets eine ungeregelte Reihe sich widerstreitender Eindrücke, von denen nur einige wenige in dem Urteil des Hörers Aufnahme finden