Litteraturbericht. 351 hatte seine Sehschärfe geprüft und liefs mir dann mit Hülfe eines Dolmetschers die Bezeichnung für die verschiedenen an den von seinen Stammesgenossen angefertigten Holzschnitzereien vorkommenden Farben angeben. Alle Antworten erfolgten ganz glatt und sicher ; da bemerkte ich, dafs unter den vielen Pigmenten kein gesättigtes Blau vorkam. Ich zog einen so gefärbten Karton aus der Tasche und fragte nach der Bezeichnung dieser Farbe. Der Indianer stutzte, sah mich einen Augen¬ blick ratlos an, als wenn er gar nicht verstehen könne, wie ich zu einer solchen Frage käme. Als ich diese dann wiederholte, ging er schweigend in einen Nebenraum, wo sich eine Ausstellung der in seiner Heimat vorkommenden Vögel befand; nach wenigen Augenblicken kehrte er wieder zurück mit einem Vogelbalge in der Hand und breitete dessen Flügelfedern über meinen Karton aus: die Farbe war genau die¬ selbe. Ein Wort für die Farbe hatte er nicht, vermutlich, weil es kein so gefärbtes Pigment oder keinen so gefärbten im alltäglichen Leben seiner Stammesgenossen verwendeten Stoff gab ; wohl aber konnte er die Farbe sicher von allen anderen unterscheiden, denn er suchte unter vielen ähnlichen (wovon ich mich nachher überzeugte) die gleiche heraus. Wenn nun auch die Streitfrage über die historische Entwickelung des Farbensinnes längst entschieden ist, so bleibt die anregende Wirkung, welche sie auf die sprachliche Forschung ausübte, doch noch immer bestehen. Als fleifsige Frucht einer solchen Untersuchung liegt ein Buch Blömners vor uns, welches die Farbenbezeichnungen bei den römischen Dichtern eingehend behandelt. Das Einzelne darin hat zu ausschliefslich philologisches Interesse, als dafs wir es hier erwähnen und besprechen könnten, doch mag darauf hingewiesen werden, dafs nach den gegebenen Belegstellen auch bei den römischen Dichtern noch die Bezeichnungen für Blau die schwankendsten gewesen sind und manchmal für solche Nüancen angewendet werden, die wir kaum noch dem Blau zurechnen würden, ebenso wie dieses nach Gladstone bei Homer, nach Geiger bei den Indern der Fall ist. Arthor König. F. Holmgren. Studien über die elementaren Farbenempfindungen. Erster Abschnitt. Skand. Arch. f. Physiol. Bd. 1. S. 152—183 [mit 1 Figur] (1889). Zweiter Abschnitt. Ebenda. Bd. 3. S. 253—294 [mit 1 Figur u. 1 Tafel] (1891). Auf dem internationalen medicinischen Kongrefs zu Kopenhagen im Jahre 1884 berichtete Holmgren über Versuche, welche er zur Be¬ stimmung der Grundfarben im Sinne der YouNG-HELMHOLTZschen Theorie in der Weise angestellt hatte, dafs er von spektral erleuchteten kleinen Punkten Bilder auf der Retina erzeugte, deren Durchmesser zweifellos kleiner als der Durchmesser eines Zapfens war. Rote, grüne und violette Punkte erschienen immer in ihrer wirklichen Farbe, während gelbe Punkte entweder rot oder grün, und blaue Punkte entweder grün oder violett gesehen wurden. Zwei Jahre später (1886) liefs Holmgren dann durch den Referenten in der Berliner Physiologischen Gesellschaft davon Mitteilung machen, dafs ihm der Versuch auch mit weifsem Lichte