Über den Muskelsinn bei Blinden. Von Dr. Paul Hocheisen.1 In den Begriff „Muskelsinn“ fassen wir eine Reihe von Fähigkeiten zusammen, welche es ermöglichen, uns über die Stellungen unserer Körperteile zu einander, über die Lage im Raum, die Bewegungen der Körperteile und die Widerstände, welche sie bei den aktiven Bewegungen finden, genau zu informieren. Uber die Analyse des Muskelsinns arbeitete Gold- scheider in sehr eingehender Weise und veröffentlichte seine Resultate in den Schriften „Über den Muskelsinn und Theorie der Ataxie“2 und „Untersuchungen über den Muskelsinn.“3 Er trennte hierbei das Gebiet des Muskelsinns scharf in folgende vier Abteilungen: 1. Empfindung passiver Bewegungen. 2. Empfindung aktiver Bewegungen. 3. Wahrnehmung der Lage und Haltung. 4. Empfindung der Schwere und des Widerstandes. Ausgehend von der Empfindung passiver Bewegungen fand Goldscheider, dafs es eine specifische Bewegungsempfindung giebt, welche bei passiven Bewegungen von einer gewissen Gröfse deutlich hervortritt und sich mit keiner anderen Emp¬ findung verwechseln läfst. Das Wesentliche beim Zustande¬ kommen der Bewegungsempfindung ist die Drehung der Gelenk- 1 Die folgenden Untersuchungen sind unter Leitung des Herrn Dr. A. Gojjdscheider angestellt worden, der bereit ist, für ihre Resultate auch die Verantwortlichkeit zu übernehmen. Ihre Ergebnisse sind auf dem II. internationalen psycholog. Kongreß zu London 1892 vorgetragen und auch in meiner Dissertation veröffentlicht worden. 2 Zeitschrift für klinische Medizin. Band XV. 3 Archiv für Anatomie und Physiologie, Physiol. Abt, 1889.