416 Litteraturbericht. Subjekt einander gegenüberstellend, die Frage zu lösen, wie es komme, dass diese miteinander irgendwie übereinstimmen? Der vermeintlichen Lösung, welche ihm die „Entwickelungsgeschichte“ des Geistes dä'rzu- bieten scheine, liege das Mifsverständnis zu Grunde, ein logisches Problem durch eine psychologische oder sogar biologische Antwort lösen zu wollen. Alle Erkenntnistheorien gleich der SpENCERSchen müfsten sich in dem fruchtlosen Streben verzehren, rein subjektive Zu¬ stände zu einer objektiven Realität verdichten zu wollen. Der weitere Grundfehler der SpENCERSchen Auffassung liege darin, dafs sie zu mechanisch sei, er stelle überall, so auch in „seinem aufgeklärten Realismus“, die psychische Thätigkeit in den Hintergrund. Er verkenne die wichtige Rolle, die der Wille, den er überhaupt in seiner Psychologie vernachlässige, in der geistigen Entwickelung spiele. Den Schlufs des Aufsatzes bildet eine scharfe Kritik der Lehre „vom Unerkennbaren“, gleich Kants „Ding an sich“ ein vergeblicher Versuch, die fundamentalen inneren Widersprüche seiner Erkenntnistheorie zu verdecken. Gacpp (London). Fr. Courmont. Le cervelet et ses fonctions. Ouvrage couronné par VAcadémie des Sciences. Paris, Alcan. 1891. 600 S. Merkwürdigerweise erscheint auf dem litterarischen Markte, fast gleichzeitig mit der schwerwiegenden Arbeit Lucianis, eine franzö¬ sische Waare, die dem italienischen Physiologen seine acht Jahre lang unausgesetzt fortgesetzten Experimente und Forschungen über das Kleinhirn hätte ersparen können. Mr. C. zerreifst den jungfräulichen Schleier, der das Geheimnis des Cerebellum bis jetzt verhüllt hat, mit einem kühnen Rucke. Die Duplizität des anatomischen Baues und der Funktion der Nervenachse giebt ihm das Schema für die fragliche Be¬ deutung der grofsen Hirnmassen, die äufserlich einander so ähnlich seien, dafs das Kleinhirn sozusagen nur ein detachiertes Fort des Grofshirns bildet. Das vordere System der Nervenachse — Grofshirn und vorderes Rückenmark — dient der Bewegung, das hintere System — hinteres Rückenmark und Kleinhirn — der Wahrnehmung sensitiver Eindrücke, das Grofshirn der Intelligenz, das Kleinhirn dem Gemüt. Damit Punktum ! — Wozu bedarf es noch weiterer mühsamer Unter¬ suchungen, da unzählige Beweise dafür in der medizinischen Litteratur vorliegen? Doch! Verfasser hat auch experimentiert, und zwar an Ratten. Die Ratte, ein anerkannt gemütvolles Tier (craintif, impressio- nable-émotif) bestätigt ihm seine These, dafs das Kleinhirn der Sitz des Gemütes ist, denn das Tier wurde nach Abtragung des Organes — apathisch. Nebenbei gesagt, ist das betreffende Kapitel das amüsan¬ teste des ganzen 600 Seiten starken Bandes. Das Merkwürdigste an dem Buche ist aber, abgesehen von der ungemeinen Belesenheit des Ver¬ fassers und der verblüffenden Sicherheit, mit der er davon Gebrauch macht, — dafs die Académie des Sciences daraufhin ihm den prix Möge zuerkannt hat. Fraenkel. .