Litteraturbericht. 395 zugleich als Zweck betrachten solle (134 f.). Auch der Gegensatz zur Sittlichkeit ergiebt keinen Inhalt für den Egoismus: wir thun vieles rein Sittliche in Bezug auf andere, wovon wir entschieden nicht möchten, dafs es uns geschehe. Das sonst durchführbare Moralprinzip: Erfüllung eines Maximums von Willen überhaupt, würde durch den Pessimismus aufgehoben werden (145). — Indem das Gewollte Mittel zum Zweck wird, schlägt Egoismus in Altruismus um; derselbe Vorgang entspringt aus der Beurteilung anderer, die sich in uns reflektiert (148). Das „sachliche Interesse“ kann über das egoistische wie über das altruistische gleich- mäfsig hinausführen (152). So giebt es unzählige Fälle der Mischung und des Überganges zwischen beiden; die einzelne That beruht im Ganzen der Persönlichkeit (157). Der engere soziale Kreis ist sowohl Objekt meines Altruismus wie meines Egoismus (162). Die vielen Teile des Ich in ihrem Verhältnisse zu ihm sind höchst mannigfach, worüber die Gleichheit des Possessivpronomens leicht hinwegtäuscht (171). — Grad sittlicher Kultur: das Mafs, in dem die äufseren Verpflichtungen die psychologische Form einer Pflicht gegen uns selbst annehmen (175). Der Egoist ist eine sittliche Gemeinschaft im Kleinen (180). Demnach wird die Pflicht gegen uns selbst immer nur als sachlicher oder psycho¬ logischer Umweg der Pflicht gegen die Gesamtheit erscheinen (182). Dies gilt von der Selbsterhaltung, weshalb auch das Verbot des Selbst¬ mordes kein absolutes sein darf (1S7); gilt von der Ehre: der Ehrenkodex ist eine zweckmäfsige Ergänzung des Kriminalkodex (192). In einem engern Sinne wird die Ehre genommen in Bezug auf die Frau; aber Verlust der ,weiblichen1 Ehre gilt als Verlust der Ehre dieses Weibes schlechthin. Dies hat z. T. nur Grund in der Wortgleichheit, aber doch auch in der Thatsache, dafs das Wesen der Frau viel einheitlicher ist als das des Mannes (197 f.). In Wahrheit sind sogar die Gründe für das Urteil über Prostitution sehr mannigfacher Natur (208). — III. „Sittliches Verdienst und sittliche Schuld.“ Verdienst setzt Kampf gegen die Ver¬ suchung voraus (215). Aufopferung entspringt nicht nur aus Liebe, sondern bringt auch Liebe hervor (219). Was nur Mittel war, gewinnt dann selbständigen Wert : so in der Askese Schmerz und Überwindung (222 ff.). Dafs aber umgekehrt gerade die leicht vollbrachte Sittlichkeit höher geschätzt wird, ist der Bewunderung vergleichbar, die ein Virtuose erregt : die Mühen liegen hinter ihm. Auch beruht es auf sozialer Prophylaxis (230). Die Schätzung der Gesinnung mufs auf diejenige der einzelnen Thaten zurückgeführt werden, obgleich historisch eine völlige Ver¬ schiebung stattgefunden hat, die als Begriffsrealismus sich darstellt (233 f.). 1— Wie können ,Gefühle1 sittlich gefordert werden? Weil sie von Thaten die Folgen sind, ebenso wie Thaten selber (238). Gewöhnlich identifizieren wir das eigentliche Ich mit dem guten Prinzip, und entschuldigen sein Unterliegen . durch die , Stärke der ,Versuchung“ (246). Diese aber ist schon ein eigener Anfang der That selber, hat also Anteil an der Schuld (247); wie die Verdienstlichkeit da beginnt, wo überhaupt Überwindung unsittlicher Triebfedern durch sittliche festzustellen ist (259). Nicht jede Pflichterfüllung enthält Verdienst, aber jede Pflichtvergessenheit Schuld; der Umstand aber, dafs diese Bewufstsein der Verpflichtung