394 Litteraturberichl. Das Sollen bedeutet daher vielleicht nur die gefühlten Triebe in uns, die nicht auf Egoismus zurückführbar sind (30), daher die Empfindung auch auf Grund blofser Gewohnheiten nicht-sozialer Natur eintritt. Kein Thun kann sich der Beurteilung an einem Sollen entziehen (35) ; die Vorstellung ist irrig, das sittliche Sollen müsse eine Einschränkung zu Gunsten anderer Forderungen erfahren (42) ; dafs das Sollen ein absolutes ist, ist ein identischer Satz (44). Viele Moralprinzipien sind tautologisch, denn das höchste Sollen ist an und für sich inhaltlos (53). Seinen Ursprung nimmt das Sollen sehr oft aus einem Müssen, das seinerseits immer ein zweckmäfsiges Wollen ist (57). Der Wille pafst sich an das Müssen derart an, dafs der Zwang überflüssig wird (58); für die mensch¬ liche Natur geht allmählich Macht in ßecht, d. h. Müssen in Sollen über (60), und wenn jenes schon fast immer, so ist dieses vollends eigentlich ein Wollen; wo eine Diskrepanz vorliegt, da bezeichnet das Sollen in der Kegel wohl den Willen der Gattung etc., der doch zugleich unser eigner ist. Auch der Zwang, der von äufseren Verhältnissen ausgeht, verinner¬ licht sich häufig zur Pflicht (63). In der Sitte zieht das Sollen seinen Inhalt durchaus aus dem Sein, und auch sonst gilt im allgemeinen das Gute als das Selbstverständliche (65. 75). Das Verhältnis ist aber auch oft das umgekehrte; das Ideal entspricht der Variabilität, wie die Geltung des Überlieferten der Vererbung (83). — II. „Egoismus und Altruismus.“ Ist jener der ,natürlichere' Trieb? er ist weiter verbreitet; in Wahrheit freilich ist es weit schwieriger, als es scheint, das quantitative Verhältnis festzustellen. Immerhin behält das Egoismus-Prinzip den Vorzug des rational Einleuchtenden (91)... Sodann ist der Egoismus, nach allgemeiner Annahme, zeitlich früher. Auch darüber kann gestritten werden, jeden¬ falls ist aber das Frühere nicht ,natürlicher“ (94). Der vorgeblich natür¬ liche Charakter des Egoismus hat seine Beurteilung zum Teil in entgegen¬ gesetzter Weise bestimmt, wreil eben das Natürliche bald schlecht, bald gut erscheint (95 if.). Wenn Sittlichkeit auf ,Vernunft, zurückgeführt wird, so ist auch dies nur ein anderer Ausdruck für ihre Wertschätzung; an und für sich ist nicht einzusehen, wieso ein egoistisches Leben unvernünftiger sei, als ein sittliches (101). So gilt denn auch bald die Sinnlichkeit als Gegenstand der Selbstsucht, bald ihr Gegenteil als das eigentliche Ich (103). Wäre der Egoismus die einfachste Erklärung des Handelns, so wäre er darum nicht die richtige (106). Auch ist ihm die DARwiNsche Lehre nicht ohne weiteres günstig. Sobald eine gesellschaft¬ liche Gruppe als Einheit wirkt, so ist der Individualegoismus als alleiniges Vehikel der Kassenmischung enttront (113). Übrigens würde aber die Annahme des Egoismus als letzten ethischen Prinzips der Unterstützung durch den Beweis, dafs er das geeignetste Mittel für die Wohlfahrt der Gesamtheit sei, nicht bedürfen (119). Das Sollen in den Egoismus zu verlegen, ist Sache starker, das Umgekehrte schwächlicher Naturen (124). Der Altruismus läfst einen entsprechenden Unterschied zu (125). Auch der praktische Solipsismus würde den Wertunterschied von Handlungen gar nicht berühren; ebensowenig die Umkehrung: Alleinheitslehre (129). Unklarheit umgiebt den Begriff des Ich, mithin auch den des Egoisten und ebenso ist das Moralprinzip leer, dafs man den ,Menschen“ immer