Litteraturbericht. 393 werden (entsprechend einer funktionellen Schädigung der Bahn zu L.s Begriffszentrum) ; im dritten Stadium endlich wurden sie nicht mehr automatisch, sondern in Frageform wiederholt, also zwar nicht begriffen, aber als Worte aufgefafst („Funktionsherabsetzung des Begriffszentrums“). Indes zeigte sich vielmals kein stetig aufsteigender G-ang, sondern ein Schwanken, so dafs P. die Hypothese einer wellenförmig verlaufenden Be-Evolution in Erwägung zieht. Das Zahlenverständnis zeigte sich bei sonst noch vorhandener Asymbolie auffallend gut erhalten. Die gleichzeitig mit Rückkehr des Sprachverständnisses eintretende Wiederherstellung des Gesichtsfeldes zur Norm („Be-Evolution der Funk¬ tionen des Hinterhauptslappens“) belegt P. durch eine Anzahl von Ge¬ sichtsfeldaufnahmen. P. sieht das Hauptergebnis seiner Beobachtungen in der Sicherung der These, dafs die Be-Evolution in regelmäfsiger Weise verläuft. Liepmann. Georg Simmel. Einleitung in die Moralwissenschaft. Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe. In 2 Bänden. Erster Band. Berlin, Hertz, 1892. 467 S. M. 9.—. Die Absicht geht dahin, den höchst komplizierten und vielseitigen Charakter der ethischen Grundbegriffe und ferner den „Begriffsrealismus“, mit dem man sie aus nachträglichen Abstraktionen zu wirkenden psychi¬ schen Kräften gemacht habe, aufzuzeigen; darzuthun, dafs die Unsicherheit in Sinn und Begrenzung dieser Begriffe ihre Verknüpfung zu ganz ent¬ gegengesetzten und scheinbar gleich beweisbaren Prinzipien gestatte; endlich auf die Schichtung belastender und entlastender Momente hin¬ zuweisen, die eine einzelne That in der Verzweigtheit ihrer psychologischen Vorbedingungen ebenso wie in der ihrer sozialen Folgen finde. — Diese Bestimmungen scheinen sich auf das ganze Werk zu beziehen, müssen aber insgesamt auch schon in diesem ersten Bande gesucht werden. Vier Kapitel liegen-vor: I. „Das Sollen“ ist eine Kategorie, die, zu der sachlichen Bedeutung der Vorstellung hinzutretend, ihr eine bestimmte Stelle für die Praxis anweist, wie sie eine solche auch durch die Begleit¬ vorstellung des Seins, des Nichtseins, des Gewolltwerdens u. s. w. erhält (8); es giebt keine Definition des Sollens ; es ist ein Denkmodus wie das Futurum und das Präteritum, oder wie der Konjunktiv und der Optativ ; durch die Form des Imperativs hat die Sprache diesem Verhalten Ausdruck gegeben (9). Das Sollen ist unerklärlich, es ist immer nur aus einem anderen ableitbar, es ist mit dem Begriff des Sittlichen identisch, die Frage daher sinnlos, weshalb wir sittlich sein sollen (16). Dem praktischen Moral- bewufstsein reifst die Kette der Gründe noch früher ab; die Unerklärtheit trägt zur Würde und psychologischen Kraft des Sollens erheblich bei (18). Verstehen könnten wir es nur auf Grund egoistischer Motive ; auch dies Verstehen ist aber nur ein scheinbares; wäre Altruismus die Begel, so würde Egoismus aus ihm erklärt werden oder unergründlich scheinen.