Litteraturbericht. 91 führungen der Deutschen und ihrer italienischen Kollegen eine Ähn¬ lichkeit in zwiefacher Beziehung. Es ist zur Genüge bekannt, wie ge¬ ringschätzig und ungerecht bedeutende Physiologen in Deutschland über die gegenwärtige Pädagogik geurteilt haben, und dasselbe thut Sergi, indem er ihr jeden wissenschaftlichen Wert abspricht. Es mufs aber auch von den Pädagogen anerkannt werden, dafs die Physiologen auf manche schlimme Mängel hingewiesen haben, und wegen dieses hoch zu schätzenden Umstandes soll ihnen manches harte Wort, ja manche Un¬ gerechtigkeit verziehen sein; wegen dieses Umstandes heifsen wir auch das vorliegende Schriftchen Sergis sehr willkommen und bedauern nur, dafs die Sprache seiner Verbreitung und Wirkung in Deutschland stark im Wege steht. Lassen wir alle Vorwürfe beiseite, welche wenigstens die deutsche Pädagogik nicht auf sich beziehen kann, und kommen wir gleich zum Hauptpunkte, der auch bei uns volle Beherzigung verdient: Der Ver¬ fasser verlangt eine ausgiebige Berücksichtigung der Individualität. Man hat diese Forderung in Deutschland — wie auch anderweitig — längst erhoben, aber dabei ist es meistens auch gebliehen; nicht einmal die Vorarbeit, die Erforschung der Individualität, ist genügend ge¬ fördert worden. Am meisten hat in dieser Beziehung noch die Herbart- ZiLLERSche Schule geleistet in ihrem eifrigen Streben, die Pädagogik auf die Psychologie zu gründen. So hat denn insbesondere Ziller für die Beobachtung der Schüler bestimmte Kategorien aufgestellt, denen die verschiedenen Wahrnehmungen während der Schulzeit eingeordnet werden sollen ; aber diese Aufstellung hat zwei schwerwiegende Mängel. Zunächst hat sich Ziiler von seiner, d. i. der HERBARTSchen Psycho¬ logie (überdies noch ohne Nötigung) zu der Ansicht verleiten lassen, als habe die Physiologie in der Pädagogik als Wissenschaft gar nichts zu sagen, und infolgedessen fehlt in seiner Aufstellung — sie findet sich in den Materialien zur speziellen Pädagogik, 2. Auf!., S. 282 — alles, was auf die Beobachtung in physischer Beziehung aufmerksam machen sollte. Hier tritt nun Sergi ergänzend ein und führt achtzehn Gesichts¬ punkte auf. Besser steht es hei Ziller schon mit der Beobachtung in psychischer Hinsicht; doch sind hier die einzelnen Fragepunkte nicht genügend gesondert; es ist also die Beobachtungsaufgabe in ihren einzelnen Teilen nicht durchsichtig genug, als dafs sie zur Erlangung eines umfassenden Resultates genügend den Blick schärfen könnte. Auch hier stellt die Schrift von Sergi einen Fortschritt dar, indem sie zwanzig gesonderte Gesichtspunkte aufführt. Soweit wir zu sehen vermögen, ist die Aufstellung Sergis in jeder Hinsicht erschöpfend. Was aber nun die Ausführung der Beobachtungen betrifft, so gestaltet sich dieselbe in mancher Beziehung insofern etwas umständlich, als dabei verschiedene Apparate zur Anwendung kommen, welche im Anhänge beschrieben und durch Holzschnitte dargestellt sind. In kleinen Klassen aber, wie sie in höheren Schulen meist anzutreffend sind, wird sich die Sache hei gutem Willlen wohl durchführen lassen. Diese Durchführung soll sich so gestalten, dafs die erste Eintragung in