Zwangsvorstellungen ohne Wahnideen. Von D. Hack Tuke, M. D., LL. D. Es läfst sich die Frage aufwerfen, ob wir gewisse krank¬ hafte Geisteszustände, welche dem Irresein mit Wahnideen zwar nahe stehen, aber doch eine Erscheinung für sich dar¬ stellen und in ihrer Entwickelung durchaus nicht immer in Wahnideen übergehen, genügend erkennen und abgrenzen. Ich meine jene Zustände, in welchen Gedanken von ungewohntem und meist unwillkommenem Inhalte den Geist mit krankhafter Hartnäckigkeit beherrschen, oder in denen das Individuum den starken Drang fühlt, bestimmte Worte auszusprechen, ganz gegen seinen Wunsch und trotz des machtvollen Widerstandes seines Willens. Insbesondere habe ich die Fälle im Auge, bei welchen man den Patienten nicht als geisteskrank bezeichnen kann, obwohl die geistige Störung schliefslich so ausgesprochen sein kann, dafs die Aufnahme in eine Irrenanstalt zu einer Erlösung für den Kranken wird, welcher sich seines Übels nur zu schmerzlich bewufst und in jeder anderen Hinsicht gesund ist. Bei unserer gebräuchlichen Einteilung der Geisteskrank¬ heiten hat diese Symptomengruppe keine Berücksichtigung gefunden, zum Teil sicherlich, weil sie die Grenzlinie der Ge¬ sundheit nicht zu überschreiten braucht, zum Teil auch, weil ein solcher Patient häufig geistig deprimiert und dann für einen Melancholiker gehalten wird, oder auch, weil er — aus blofser Unwissenheit und nicht unter dem Einflufse seiner Krankheit — seine Eingebungen als teuflische oder göttliche auslegt, und der Fall infolge dessen unter der Rubrik Paranoia untergebracht wird. Der Kranke mag von der Unrichtigkeit seiner Meinung überzeugt werden, wird aber darum nicht Zeitschrift für Psychologie II. *