Optische Streitfragen. 503 eines Quadrats über die Ecken, hinaus. Diese Seiten scheinen dann länger; das ganze Quadrat scheint in der betreffenden Richtung gestreckt. Das Erklärungsprinzip ist das in den „Ästhetischen Faktoren der -Raumanschauung“ entwickelte. Obgleich ich dasselbe bei den Lesern dieser Zeitschrift — etwa aus der Selbstanzeige, S. 219 ff. dieses Bandes — als bekannt vor¬ aussetzen darf, deute ich es doch, soweit es hier in Betracht kommt, an. Die Quadratseiten „verlaufen“, „strecken sich“, kurz, repräsentieren eine Bewegung. Diese Bewegung erscheint in dem reinen Quadrat an den Ecken abgeschnitten, angehalten, gehemmt. Sie scheint von solcher Hemmung frei und frei aus sich herausstrebend, wenn die Seiten sich fortsetzen. Solche frei, „siegreich“ aus sich herausgehende Bewegung nun wird überall in ihrem Erfolg, d. h., hinsichtlich der Weite des Weges, der durch sie durchmessen wird, überschätzt, die gehemmte überall unterschätzt. Wir glauben, allgemein gesagt, an den Erfolg einer Bewegung in dem Mafse, als wir dem Eindruck der Bewegung ohne den Gedanken an eine Hemmung oder Gegenbewegung unterliegen. In allen von Brentano angeführten Beispielen der Überschätzung unterliegen wir aber, und zwar — aus hier nicht auszuführenden Gründen — in besonderem Mafse dem Eindruck einer frei aus sich heraus oder in die Weite gehenden, von einer Mitte fortstrebenden, in allen Fällen der Unterschätzung dem Eindruck einer in sich zurückkehrenden, einer Mitte zustrebenden Bewegung; und in dem Malse, als jenes oder dieses der Fall ist, besteht die Über- oder Unter¬ schätzung. 7. Diese Erklärung ist nicht mit der von Brentano unter No. 2 seines Aufsatzes zurückgewiesenen identisch. Bei seiner Fig. 2 etwa an „gespannte Stricke“ zu denken, geht gewifs nicht an. Vielmehr ist hier, wie überall, nur dies in Frage welche Vorstellung einer Bewegung bei Betrachtung der Linien uns beherrscht. Eben dieser herrschenden Bewegungsvorstellung, oder eben dieser in unserer Vorstellung herrschenden Bewegung geben wir in unserer Vorstellung oder unserer Schätzung nach und modifizieren danach das Gröfsenurteil, das wir abgesehen davon, also aus der blofsen Wahrnehmung gewinnen würden. — Auch die falschen Schätzungen von Winkeln -— die aber, wie wir gesehen haben, weit entfernt sind, dem von Brentano geglaubten „Gesetz“ zu gehorchen—erklären sich erst aus dieser Anschauung.