über Vergleichungen von Tondistanzen. 421 gleich geschätzten wirklich genau gleich empfunden werden. Aber bei hinreichender Bestimmtheit des Urteils, wofür sich aus den Tabellen die Anhaltspunkte ergeben, werden die Ab¬ weichungen relativ zur Gröfse der geschätzten Distanzen nur minimal und für die Schlüsse irrelevant sein. Ein besonders wichtiges und umstrittenes Gebiet von Distanzvergleichungen bilden die Tonqualitäten (Tonhöhen). Hier sind die gröfsten Gegensätze der Meinungen aufgetreten. Die Einen wollen in den musikalischen Intervallen ein evidentes, ja seit alten Zeiten feststehendes Zeugnis für das FechnerscIic Gesetz, Andere nicht die geringsten Anhaltspunkte zu sei¬ nen Gunsten erblicken. Die Einen glauben hier Distanzver- gleichungen mit gröfster Sicherheit auszuführen, die Anderen bleiben absolut skeptisch. Den Hauptgegenstand der folgenden Studie bilden neuere Versuchsreihen hierüber von C. Lorenz, die Zu den ausgedehntesten gehören, die jemals in psychophysischen Dingen gemacht wurden, und schon darum eingehende Betrach¬ tung verdienen.1 Für mich liegt aufserdem nicht blofs in der eige¬ nen Beschäftigung mit dem Tongebiet, sondern auch in der her¬ vorragenden Bedeutung, die nach dem eben und schon früher von mir Dargelegten Distanzvergleichungen überhaupt zukommt, ein mehrfacher Beweggrund zu genauer Prüfung. Ich über¬ gehe hierbei die Kritik, welche der Verfasser über meine eigenen und die PREYERschen Versuche vorausschickt, da dieselben sich eben nicht auf Vergleichung von Tondistanzen, sondern auf die Fragen bezogen, ob zwei Töne gleich oder verschieden und welcher der höhere sei, und da ich auf diese Kritik bereits (Tonpsych. II 556 f.j geantwortet habe. Vergegenwärtigen wir uns zuerst kurz die Entwickelung der Angelegenheit. E. H. Weber und Eechner hatten be¬ kanntlich die Thatsache, dafs ein Intervall uns in allen Ton¬ regionen, also bei beliebigen absoluten Schwingungszahlen, als das gleiche erscheint, wenn nur das Verhältnis der Schwingungs- 1 Untersuchungen über die Auffassung von Tondistanzen. Von Carl Loeenz. In den „Philosophischen Studien“ von Wundt. Bd. VI (1890). S. 26—103. — Auch Münstekberg hat Versuche gemacht, über welche sich aber nicht urteilen läfst, da er vorläufig nur die allgemeinsten Ergebnisse mitteilte. {Beiträge z. experim. Psychologie, lieft 3, S. 37, 41). Danach sollen Unmusi¬ kalische die arithmetische (absolute) Mitte der Schwingungszahlen, Musikalische die geometrische (relative) als Empfindungsmitte angeben. 28*