Über Vergleichungen von Tondistanzen. Von C. Stumpf. I. Unter Distanz oder Abstand verstehe ich den Grad der Unähnlichkeit zweier Sinnesinhalte, sei es hinsichtlich ihrer Qualität oder Intensität oder Örtlichkeit oder Zeitlichkeit. Im allgemeinen ist es möglich, zwei Distanzen unter sich zu ver¬ gleichen d. h. sie als gleich oder ungleich und letzterenfalls die eine als gröfser zu erkennen. Hierauf beruht alle Messung, da sie nichts anderes ist als die Zählung unter sich gleicher aneinandergrenzender Distanzen, die zusammen eine gegebene Distanz ausmachen. Insofern und insoweit ist kein Unterschied zwischen räumlicher, zeitlicher, qualitativer und intensiver Messung. (Vgl. m. Tonpsychologie I 57.) Unterschiede, auf die wir hier nicht eingehen wollen, geben allerdings der räumlichen und zeitlichen Messung und besonders der ersteren einen Vorrang vor allen anderen. Dafs aber auch die qualitative und intensive nicht prinzipiell unmöglich ist, beweisen ausgeführte Versuchs¬ reihen aus verschiedenen Gebieten,v welche als „Methode der Äquivalente“, „Methode der mittleren Abstufungen“ oder „der übermerklichen Unterschiede“ bezeichnet und als ein Mittel zur Bestimmung der Unterschiedsempfindlichkeit und zur Prüfung des FECHNERschen Gesetzes betrachtet werden. Ob¬ gleich mir nun dieses Gesetz keineswegs als das Alpha und Omega aller sinnespsychologischen Versuche und die ver¬ schiedenen Klassen von Sinnesurteilen nicht blofs als Methoden zur Prüfung desselben erscheinen, so möchte ich doch gerade dieser Klasse, den Distanzvergleichungen, eine direktere Be¬ ziehung zu jenem Gesetz zuschreiben als allen anderen. Ich Zeitschrift für Psychologie. 28