Die innerliche Sprache und ihr Verhalten zu den Sinneswahrnehmungen. 57 dern mit dem Finger nachzieht und gelangt durch diese Be¬ wegungen zu der Vorstellung des Wortes, welches er nun richtig ausspricht. Dieser Herr hat also nur Bewegungsvorstellungen von dem Worte gehabt — ob wir aber daraus schliefsen dürfen, dafs überhaupt beim Schreiben eine Kontrolle durch den Ge¬ sichtssinn und Tastsinn bedeutungslos ist, mufs ich im Hinblick auf die ängstlichen Bewegungen der Kinder beim Schreiben¬ lernen bezweifeln. Die Selbstbeobachtung, wenn ich schreibe, läfst es mir freilich unzweifelhaft erscheinen, dafs die motorische oder Bewegungsvorstellung hauptsächlich mafsgebend ist für die auszuführenden Handbewegungen, doch sieht meine Hand¬ schrift, wenn ich beim Schreiben die Augen schliefse, abge¬ sehen von der Dislokation auf der Papierfläche, ganz anders aus, als wenn ich die Augen beim Schreiben offen halte. — Charakteristisch für den grofsen Einflufs der Bewegungsvor¬ stellung beim Schreiben ist der Ausspruch eines Agraphischen, welchen Ballet (1. c. pag. 141) nach Pitres mitteilt: Aufgefor¬ dert, das Wort „Bordeaux“ zu schreiben, sagt er: „Ich weifs sehr wohl, wie das Wort Bordeaux geschrieben wird, aber wenn ich mit der rechten Hand schreiben will, weifs ich nicht mehr, was ich machen soll.“ Den Buchstaben L, den er sehr wohl erkennt, versucht er zu schreiben, vermag aber nur un¬ zusammenhängende Striche zu ziehen, die in nichts an die allgemeine Form des Buchstaben L erinnern. Einen ähnlichen Standpunkt, wie Stricker gegenüber den Bewegungen beim Sprechen, nimmt in Bezug auf die Augen¬ bewegungen Loeb 1 im Anschlufse an Mach 2 ein, indem er von ihnen sagt : „Das Lokalzeichen eines indirekt gesehenen Punktes sei nichts anderes, als der Impuls zur Blickbewegung nach diesem Punkte.“ Mach hatte schon den Satz aufgestellt: „Der Wille, Blickbewegungen auszuführen, oder die Innervation, ist die Raumempfindung selbst.“ Gerade beim Sprechen und Schreiben machen wir fast immer die Erfahrung, „dafs die ausgeführte Bewegung der gewollten genau entspricht“, denn die ausgesprochenen Worte entsprechen genau unseren Wort¬ vorstellungen oder „motorischen Vorstellungen“ (Stricker), und ebenso die gesungenen Melodien ; daher würde nach Loeb „der 1 J. Loeb : Untersuchungen über die Orientierung im, Fühlraume der Hand und im Blickraume in Pflügers Arch. f. cl. ges. Physiol. Bd. 46. 1889. pag. 30. 2 E. Mach: Beiträge zur Analyse der Empfindungen. Jena, 1886. pag. 57.