258 Dritter Abschnitt. 4. Die französische und englische Propaganda. Jahrhunderts und die Glanzpunkte in dem Stecherwerke Wille"s ausmachen. Jst er auch ein Deutscher von Geburt und Charakter, so zählt er doc1 nach Technik nnd Schule durchaus zu den Franzosen. Und zwar dies nicht in jedem Sinn zum Vorteil seiner Kunst. Vergleichen wir seine Stiche mit den Werken Schmidts, so kann kein Zweifel darüber obwalten, wer von beiden der etnpsindungsvollere, tiefer angelegte Künstler ist. Bei Wille herrscht entschieden die technische Routine vor; auf seinen Porträts ist nicht selten der Kopf der schwächste Teil, besser als das Antliy schon das Haar, noch besser die Gewaudung, am besten deren Stickerei, der SpihenbesaH, die strahlende Rüstung, der vergoldete Tisch: kurz, je äußerlicher die Aufgabe, desto gelnngener die Lösung! Bei Schmidt hingegen steht alles auf gleicher Höhe und der Charakter des Dargestellten, sein Stand, seine Nation kommen in fein bestimmter geistiger Weise zum künstlerischen Ausdruck. Der Maler nnd der Zeichner waren in ihm ebenso stark wie der Stecher. Wille dagegen war eine einseitige Stecheruatur. Mit derselben kalten, seelenlosen Gleichgültigkeit wie seine Bildnisse behandelte er auch die von ihm geftochenen Genrebilder und historischen Kompositionen. Es sind dar- unter die weltbekan11ten Prachtstiikke seines Grabstichels: ,,L7insr1-u(-ti011 pater11elle" nach Terborch, ,,La tric0teuse 11011andaise" nach Mieris, ,,I-es (1("zlices mater-nel1es" nach seinem Sohn, Pierre Alexandre Wille, ,,Le petit p11ysicie11" nach Netscher (Abb. 104), ,,Les musiciens ambu1ans" und ,,Agar pr6sent6ei"1 Abt-a11am par Sara" nach Dietrich, ,,La m0rt de O16opatre" nach Netscher n. a. Die Charakteristik der Meister läßt in diesen berühmten Blättern oft viel zu wünschen übrig; die Köpfe sind meist leer, Hände und Füße nicht selten recht nachlässig gezeichnet; aber das Beiwerk ist bewundernswert: den durchsichtigen Schiller der Netscherschen Seifenblase hat kein zweiter Stecher so täuschend wiederzugeben gewußt; der Lustre des Atlaskleides auf dem Bilde von Terborch ist nicht einmal von der Photographie bisher so glänzend wiedergefpiegelt worden; die Königin Kleopatra stirbt bei Wille so langweilig wie möglich, aber in einer Seidenrobe, die ein wahres Wunder der Technik ist. Die Beschäftigung des Stechers mit diesen Arbeiten begann in den sechziger Jahren, nachdem er mit seinem Marigny die Reihe der großen Porträts abgeschlossen hatte. Gleichzeitig finden wir ihn auch an manchen kleineren Gelegenheitsarbeiten thätig, die nur wenig Reiz für uns besihen. Anßerordentlich schwach sind die dazu gehörigen Landschaften. Die starke Seite von Wille"s Natur zeigt sich dagegen wieder in seiner Bedeutung als Lehrer. Er wußte seinem Fach überhaupt hohes Ansehen zu verschaffen: die Wohnung des Meisters am Qui-ii des Granc1s-Aug-nstins war lange Jahre hindurch das Stelldichein der Kunstfreunde nnd Kuustjünger aus aller Herren Ländern. Unter seinen Schülern seien hier nur Joh. Gotthard v. Müller, Joh. Georg Preißler und Jak. Muth. SchmuHer namhaft gemacht. Der erstere hat sein Brustbild nach Grenze meisterhaft gestochen. Wille überlebte die Schrecken der Revolution und sah noch die Gründung des Kaiserreichs. Auf dem Titel seiner 1801 erschienenen ,,VariStes de gravnres" nennt er sich den ,,D0yen des g-ravenrs de 1"Enrope". Als blinder Greis ist er gestorben. Mit dem eben unter Wille"s Schülern genannten Johann Georg Preißler berühren wir eine Künstlerfamilie, welche den alten Ruhm der Nürn- berger Stecherschule im vorigen Jahrhundert würdig aufrecht hielt. Es waren zunächst