Die Renaissance. Unsere Erzählung hat die Periode vom A11fkommen der gotischen Konstruktionen an bis zum Eintreten der antikisierenden Formenwelt als Ganzes zufammen- gefaßt, um ein übersichtliches Bild des all1näligen Ausreifens und Umbildens des gotischen Organismus zu bieten. Wiederholt aber wies die Darstellung darauf hin, wie inmitten der gotischen Zeit sich bereits neue bauliche Ideale vorbereiten, wie der Rhythmus der Bewegung, um mit Jakob Burckhardt zu reden, bereits während der Herrschaft der gotischen Details wieder in den der Massen umseHt. Denn, um es kurz zu sagen, bereits im fünfzehnten Jahrhundert bricht, wie allerwärts in der enropäischen Kultur, so auc) in der deutschen Architektur die neue Zeit herein. Freilich in weniger augenfälliger Weise als in Italien. Dort entwickelt sich die neue Weltanschauung auf Grund des Nationalcharakters und der nie erftorbenen Tradition der Antike frühzeitig nach der formalen Seite. So breiten PlaH nimmt ja das Aufblühen der Künste in der dortigen Bewegung überhaupt ein, daß wir heute in erster Linie an dieses denken, wenn von Renaissance die Rede ist. Jn Deutschland dagegen tritt das siegreiche Vordringen neuer Jdeen über- wiegend auf intellektuellem Gebiet zu Tage: der Kampf um geistige Güter drängt hier das Interesse am Formalen in den zweiten Rang. Jst dem für Schönheit und Stilgefühl besonders fein organisierten Jtaliener des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts die Kunst, selbst da, wo sie nur Dienerin der Kirche sein soll, Genuß um ihrer selbst willen, ja oft völlig Sclbstzweck, so sieht das transcendentaler gestimmte Gemüt des Deutschen in ihr mehr ein Mittel zum Zweck: bald ist sie ihm wirkliche Dienerin seiner Andacht, bald gilt sie ihm (als Bilderchronik) an Stelle des ge- schriebenen Wortes, bald wird sie ihm Rüstzeug im Kampf der Parteien. Dazu kommt, daß in Deutschland die Verbindung mit der Antike fehlte. Nur mühsam findet im fünfzehnten Jahrhundert der Gelehrte zu ihr den Weg; dem Volk ist längst jede fruchtbringende Erinnerung an sie abhanden gekommen. So entbehrt die Be- wegung in Deutschland von vornherein jener klassischen Zucht, die sie in Jtalien hat; mehr ins allgemeine geht hier der Drang; es ringen die Geister auf allen Gebieten nach Befreiung aus den Banden, in die das Mittelalter Denken und Leben gelegt. Erst nachdem dies Streben zu einem gewissen Abschluß gekommen, beginnt das Jnteresse für die Welt der Erscheinungen, die Freude am Schönen und reich Geschmückten weit nnd breit durch Land nnd Volk Wurzel zu schlagen, beginnt jenes Erblühen ohnegleichen namentlich der gewerblichen Künste, wie es die Zeit von 1525 bis 1575 zeigt.