Die Kunst des romanischen Zeitalters. war es schon beim Rundbogeu möglich gewesen, oblonge Felder zu iiberwölben, indem man den engeren Rundbogen überhöhte und den weiteren niederdrückte, aber dieses Ansknnftsmittel war unkiinstlerisch. Erst nachdem die Architekteu den frucht- baren Gedanken gefaßt hatten, den Rundbogen in der Mitte einznknicken, so daß er zum Spitg-bogen wurde, war die Schwierigkeit gelöst, und man konnte jedes beliebige Feld mit Leichtigkeit überwölben, denn der Spitzbogen kann bei jeder Spannung zu jeder Höhe emporgeführt werden. Damit war das letzte entscheidende Wort zur völligen Umgestaltung der Architektur ausgesprochen. Trotzdem die deutschen Baumeister den Spit;-bogen sehr bald heriibernahmen" und ihn allgemein, auch in den Gewölben und Arkaden verwerteten, übte er doch ein halbes Jahrhundert kaum einen Einfluß auf die Konstruktion, so fest wurzelte der romanische Stil, als die national germanische Banweise, im Empfinden des Volkes. Nur der Plan der Kirche wurde insofern n1ngestaltet, als das gebundene System nicht mehr so häufig zur Anwendung kam, sondern die Zahl der Gewölbe- felder in allen Schiffen gleich gemacht wurde. Die Bezeichnung Übergangsstil für diese Epoche der deutschen Baukunft, welche die erste Hälfte des 13. Jahr- hunderts ansfiillt, ist nicht richtig, denn die Bauten bilden keineswegs den Uber- gang zur Gotik, sondern bleiben durchaus romanisch und nehmen nur einige Einzel- heiten von der französischen Gotik auf. Selbst wenn Strebepfeiler klarer als solche hervortreten, und in den einzelnen Fällen, in welchen Strebebögen zur An- wendung kommen, wirken sie auf den Gesamtcharakter der Bauten kaum ein. Da- gegen beschränkt sich die Herübernahme von Einzelheiten der französischen Gotik nicht auf den Spit;,bogen. Der romanische Stil war ja immer höchst bereitwillig gewesen, neue Dekorationselemente auszubilden und aufzunehmen, und für den Übergangsstil ist das Streben nach reicher Dekoration besonders bezeichnend; schon zu Ende des 12. Jahrhunderts tritt das korinthische Kapital, das immer einzeln in Übung geblieben war, ganz in den Vordergrund und verdrängt in der Folge das Wiirfelkapitäl vollständig, weil dieses für die elegante Erscheinung der neuen Bau- werke zu massig war. Jm Anfang des 13. Jahrhunderts tritt das französische Knospenkapitäl und von etwa 1225 ab das gotische Blattkapitäl dazu. Nach franzöfischem Muster kommt die reichere Gestaltung mit E1nporen über den Seiten- schiffen in allgemeinere Aufnahme, die Wände werden durch Blendnischen und Triforiengalerien (schmale Laufgänge in der Manerdicke, nach dem Jnneren mit Säulenarkaden geöffnet) belebt, die Gewölbekappen stoßen nicht mehr in scharfen Graten aneinander, sondern lagern zwischen Rippen, welche das Gerüst bilden, während die Gewölbefelder nur Füllung find. Als Träger der Gewölberippen treten schlanke Säulchen vor die Flächen nnd in die Ecken der Pfeiler. Durch Ringe werden die hohen Säulchen fiir das Auge wohlthuend geteilt, die Arkaden- bögen werden mit Rnndstäben reicher geschmückt, in die Fensterwandungen treten ebenfalls Säulchen. Am frühesten machen sich diese Veränderungen im Rheinland bemerklicl). Das leb- haste Volk der Rheinländer erkennt sofort die große dekorative Bedeutung der neuen Ele- mente, im Yiheinland entfaltet sich die Dekorationslust am reichften, und dort hat der sogenannte Ubergangsstil seine glänzendsten Beispiele auszuweisen. Bei dieser iiberwiegenden Freude am reichen Schmuck kommen selten einheitliche Werke zu stande, die in sich har-