Die bt)zantinische Kunst. 379 die Geschichte unerhörte Vorgang, daß die Kultur sehr bald erstarrt und fast un- verändert fortlebt, so daß das Reich in der Mitte des 15. Jahrhunderts, als es unter dem siegreichen Schwerte der Türken zusammenfiel, bei der völligen Ver- änderung der übrigen Welt im wesentlichen von demselben Geiste erfüllt war wie zu Anfang. Das erinnert an altorientalische Reiche, und in der That, es finden sich noch viele andere Berührungspunkte mit jenen, so daß das byzantinische Reich, in merkwürdigem Gegensatz, zu seiner Verbindung mit dem klassischen Altertum, mehr orientalisch als europäisch erscheint. Der schrankenlose Despotismus, der sich schon im römischen Reich herausgebildet hatte, wurde hier zur unanfechtbaren Einrichtung, bei allen Kämpfen nnd Greuelthaten handelte es sich immer nur um die Person des Herrschers, nicht um das System. Nicht wie in Rom wurde erst der verstorbene Kaiser vergöttert, sondern schon der lebende, und ein klein- liches nnd fklavisches Ceremoniell beherrschte das ganze Hofleben. Aber nicht genug damit: dieses künstliche System wurde auch auf den ganzen Staat über- tragen, der einen vollkommen bureankratischen Charakter hatte, in welchem alles von oben her geregelt wurde. Wie die Religion der altorientalischen Völker hatte das Christentum hier kein innerliches, sich weiterbildendes Leben, sondern an Stelle der freien sittlichen Erfüllung der Anforderungen der Religion waren das gesetzliche Fasten und die Rechtgläubigkeit getreten. Das Christentum betont ja allerdings wie die Einheit der Gottheit, so auch die Einheit der Welt und die Unterordnung des einzelnen stark, aber es gibt andererseits dem Menschen auch vollste individuelle Freiheit; im byzantinischen Reich wurde ausschließlich das erstere beachtet, und die neuplatonische Philosophie, welche dort entstand und sich aus- breitete, sprach das in ihren Lehrsät;)en aus. Orientalisch war der ganze Charakter des byzantinischen Lebens, die weichliche Genußsucht und üppige Schwelgerei, andererseits die Härte und Grausamkeit; alle Lebensformen, selbst die Tracht mit ihren reich gestickten, faltenarmen Gewändern bildeten sich in orientalischer Weise aus. Aber im byzantinischen Reich wurden doch auch die Knnstfertigkeiten des klassischen Altertums und die ganze antike Bildung bewahrt, sie lebten unmittelbar in einem Volke nach, das fast bis zu seinem Untergang das höchst civilisierte in Europa war. Die Antike war allerdings trog unmittelbarer Fortführung in den meisten Fällen allmählich ins gerade Gegenteil verkehrt worden. Gar der Kunst kam der kt5nservative Charakter des Reiches sehr zu gute. Es ist aber viel weniger die Antike, welche darin fortlebt, sondern, wie ja bei dem inhaltlichen Zusammenhang ganz natürlich, die altchristliche Kunst und jene nur insoweit, als sie in dieser enthalten ist. Freilich in ihrer eigentlichen Absicht und Ver- wendung wurde die Kunst gegen die altchristliche Weise analog der Religion gänz- lich verändert. Die Erzählung der heiligen Geschichte durch die Kunst war weder einfach symbolisch, noch naiver Selbstzweck. Die st)mbolische Bedeutung, welche sie Aus den altchristlichen Sarkophagen z. B. hatte, wurde in spihfindige Deutelung verkehrt. So z. B. wird in den Handschriften der Psalm ,,Meine Feinde reden Arges wider miih" durch den Verrat des Judas illustriert. Zu der Parabel von den Arbeitern im Weinberg wird nach der Vorschrift des später zu erwähnenden Malerbuches vom Berge Athos Christus gezeichnet mit den vier Ordnungen der