76 Das Zeitalter der großen Persönlichkeiten. .Kolonien gesteigert. Daraus entstehen Werke, welche schon nahe an die Vollendung heranftreifen und die letzte Stufe des Archaisn1us bilden. J11 Athen that sich Kalamis hervor, ein Zeitgenosse des Ki1non. Seine Werke waren weit oerstreut, denn von allen Seiten führte sein Ruhm ihm Be- stellungen zu. Er hat in Bronze, Mar1nor nnd Golde-Elfenbein gearbeitet. Die antiken Schriftsteller loben an ihm Grazie nnd Feinheit, wenn ihm auch noch einige Unvollkommenheiten anhafteten. Leider ist kein einziges seiner Werke er- halten und die Rückführung späterer Kopien auf Originale von ihm ist sehr unsicher. Er s: scheint viele Götterbilder gearbeitet zu haben, u. a. für die Stadt Tanagra einen widder- tragenden Her1nes, da der Gott einmal bei einer Pest mit einem Widder aus den Schultern erschienen, die Mauer umwandelt hatte, nnd die Pest infolgedessen erloschen war. Noch höheren Ruhm erntete er mit seinen Tieren. H Jin Auftrage des Tyrannen Hieron von Shrakus fertigte er ein Viergespann für Olt)mpia. Bei einem anderen Viergespann soll der ältere Praxiteles, ein Zeitgenosfe von Kalamis, den Wagenlenker gearbeitet haben. Solches Zusammenarbeiten zweier Künstler war ganz gewöhnlich, aber aus der Verteilung der Arbeit geht doch hervor, daß Kalan1is sich in der Bildung der Tiere besonders auszeicl)nete. Zu den sehönsten Arbeiten des Künstlers gehörte eine Aphrodite- statue, welche Kallias, der Schwager Ki1nons, an1 Ausgang der Burg weihte, und deren Basis sich an der betreffenden Stelle wieder- gesunden hat. Wahrscheinlich ist es dieselbe Statue, welche einein wiHigen Epigramin zufolge später Sosandra genannt wurde. An diesem Werke des Künstlers priesen die Alten seine Zierlichkeit und Anmut noch ganz be- II sonders. Lukian sagt von dem Ideal eines F; sei)-kniest Miidchens: Karamis müsse sie mit is kenscher Schämigkeit schmücken, und ihr Lächeln " müsse ehrbar und unbewußt sein wie das der Sosaudka. Es scheint fast, als hätten - wir in Kalamis einen Künstler zu vermuten, dem naive Jnnigkeit und Weichheit eigen H war, wie später den italienischen Malern Perugino und Francia auf der letzten Stufe M vor Vollendung der Kunst durch Raphael. Mer1in in Athen. Kopie einer archaischen Bronzestatue glaubt man vielleicht nicht mit Unrecht, das; sie der Kunft des Kalamis nahe stehe. Es sind der sog. Omphalos-Apoll (Abb. der mit einein nicht zugehörigen Omphalos (Erdnabel) zusammen im Dionhsostheater zu Athen gefunden wurde, und die in der Form etwas freiere Wiederholung, der sog, Apoll Choiseul-Gouffier im Britischen Museum. Die Gestalt hat noch die etwas zurücklehnenden breiten Schultern und steife Haltung, aber im Verhältnis dazu ist die Kenntnis des 1nenschliehen Körpers schon iiberrasrhend groß. Das Haar ist der damaligen Tracht