Städtefchau H München Will man über das künstlerische Leben in München berichten, könnte man zunächst darauf hinweisen, was an neuen Bauten und Bildwerken entstanden ist, auf alles, was sich als räumliche Erscheinung dem Auge darbietet. Es gibt aber auch noch andere Faktoren, die dabei mit in Frage kommen. Die Kunst als ein integrierender Be- standteil des öffentlichen Lebens, ist auch eine zeitliche Erscheinung, daher interessiert auch alles, was sich im kiinstlerischen Leben begibt: Aus- stellungen, Künstlerjubiläum, Wettbewerbe und dergleichen. Von neuen Bauten und Denkmälern ist nicht viel zu berichten, denn die großen Monu- mentalbauten, Hocheders Verkehrsministerium, Seidls deutsches Museum sind erst im Werden. In lebendiger Entwicklung begriffen sind auch alle die treibenden, fördernden Kräfte im künst- lerischen Leben, die dem Zuge der Zeit gemäß zur Vergesellschafterung und zu Assoziationen drängen; eine solche ist die Gründung des deut- schen Werkbundes. Am 7. Oktober l907 tagten in München Theoretiker und Praktiker, National- ökonomen, Architekten, Fabrikanten, die sich über die Ziele und das Wirken des Bundes aus- sprachen. Der Bund will auf Förderung und Veredlung der Arbeit, Steigerung der Qualität hinarbeiten; er will das Verständnis für gute Arbeit heben und sie in weitesten Kreisen zur Anerkennung und Geltung bringen. Der deutsche Wes.-kbund will Sorge tragen für Organisation des gewerblichen und kunstindußriellen Ausstel- lungswesens, Hebung des Niveaus der an der Produktion beteiligten Arbeiterkreise durch ver- besserte Schulung und Lehrlingsausbildung usw. Der neugegründete Bund erwählte den bekannten Architekten Theodor Fischer zum Vorsitzenden. Die zweite Tagung des Bundes während der großen Ausßellung in München, konnte bereits über die erfolgreiche Tätigkeit im ersten Jahre berichten. Am deutlichsten spiegeln sich die in der Zeit zutage tretenden künstlerischen Strö- mungen und Bestrebungen in den periodischen Ausstellungen. Manchmal veranlassen sie uns Mc? unseren Blick nach rückwärts zu wenden. Zu einer bedeutsamen Retrospektiven gestaltete flTh die im November vergangenen Jahres von der Galerie Heinemann inszenierte Ausstellung von Werken der Diezschule während des Zeit- raumes von x870-f890, W,TIHelm von Dies, der große Münchener HIfk0VIeUIUTcEV, war nicht nur ein ausgezeich- neter KUUfk!el"- sondern auch ein vortrefflicher kehrst- SSMe Methode gründete sich auf das Studium der Natur und der alten Meister. Das Studium des Helldunkels und der Valeurs stand im Mittelpunkt seines Malunterrichtes; er för- derte dadurch etwas, das man vielleicht am besten mit ,,Kultur des Auges" bezeichnet. Die Aus- bildung des malerischen Sehens wie ein ratio- nelles Malverfahren, gehörte zum wesentlichsten Jnhalt seiner Tehrmethode. Der Erfolg gab ihm recht. Wer in den 70er Jahren des ver- gangenen Jahrhunderts das Malen erlernen wollte, der ging entweder zu Diez nach München oder Carolus-Duran nach Paris. Eine große Anzahl später berühmt gervordener Künstler sind aus der Diezschule hervorgegangen: Trübner, Kühn, Cöfftz, Piglhein, Stauffer, Bern, Herterich, Slevogt. Neben Diez kann in Deutschland als Mallehrer höchstens Karl Gussow genannt wer- den. Er hat ähnlich wie Diez in München, in Weimar und in Berlin gewirkt. Gussow hat großes Verdienst um die Anbahnung eines ratio- nellen Malverfahrens; er hat dafür durch Schrift und Wort und durch die Praxis gewirkt. Eine Ausstellung im Kunstverein vereinigte eine An- zahl seiner beüen Werke. Sie überraschen und blenden durch außerordentliche Teuchtkraft, Schmelz und Tiefe der Farben. Der Januar brachte in der Galerie Heine- mann eine Fülle bisher unbekannter Zeichnungen aus dem Nachlasse von Wilhelm Busch. Man erkannte, wie reich und mannigfaltig angelegt dieses Talent war. In Wilhelm Busch steckte auch ein Maler, oder doch ein malerisches Auge, das sich an den Vorbildern der alten Nieder- länder gebildet und geschult hatte. Das zeich- nerische Talent war aber vorwiegend und daher auch von stärkerer Durchschlagskraft. Wenn es noch eines solchen Nachweises bedurft hätte, hätte ihn diese Aussiellung vollständig er- bracht. Eine andere Veranstaltung, die zwar keinem berühmten Autor, aber einem der originellsten Münchener Charakterköpfe unter den alten Malern galt, erregte nicht weniger Jnteresse und Anteilnahme. Mit einem Male ist Karl Spitz- weg ein berühmter Maler geworden. Als er vor 20 Jahren sich ebenso still und geräuschlos wie er lebte, aus der Welt gemacht hatte, da ahnten die Verwandten, Freunde und Bekann- ten dieses Künstlers nicht, daß seine kleinen auf Holz gemalten Bildchen nach dieser Zeit das hundertfache ihres ursprünglichen Marktwertes erhalten würden. Unbezahlbar ist vollends der Humor, der in seinen Schöpfungen unvergänglich lebt; er ist wie edler Wein ein durchaus boden- ständiges Gewächs, mit einer ausgesprochenen lo-