286 Die Erneuerung. führte. Der Stich gibt den augejahrten Humanisien, in dessen Augen Spannung und Blick erst kommt, wenn sie auf das Buch gerichtet sind statt auf das gemeine Leben. Wir wissen, wie dieser Mann, einst ein so fehdebereiter Kämpfer gegen die geistige Fremdherrschaft, schließlich doch vor Luthers Tat versagte. Er fürchtete für einen Aufstand unmündiger Geister und unfreier Seelen, sein Patrizierbewußtsein bciun"tte sich dagegen aus. Gleichviel: nur das 8eitalter Luthers, das deutsche Jahrhundert konnte diesen Kopf, diese vom Geist gebündigte Kraft so formen. Die andere Gattung des deutschen Denkers gibt der Melanchthonkopf. Das Gesicht lebt noch, und es wird Dauer haben, so lang das deutsche Wesen lebt. Ein Mann, der wenig auf sein Äußeres gibt, der sich nirgends in der Wirklich- keit so recht an seinen Plaß hinsi'ndet, hinter dessen hoher Stirne aber eine ganze Welt Raum hat, und dessen leuchtend gutes Auge gleichfalls Sonne strahlt. Dürer fühlte manch verwandten Zug in dieser stillen Natur, er schloß sich eng sMelanchthon an, als der in den zwanziger Jahren häufiger nach Nürnberg kam, um dort bei der Errichtung einer höheren Schule nach dem Rechten zu sehen. Melanchthon hat viel von den Gesprächen erzählt, die sie führten, und sein Urteil war, Dürer sei ein Weiser zu nennen, an dem die künstlerische Begabung, so stark sie auch war, doch nur das Wenigste bedeutete. 4. Anfang Oktober x526 richtete Dürer an den Niirnberger Rat das folgende Schreiben: ,,Fürsichtig, ehrbar, weis liebe Herren! Dieweil ich vor- längsi geneigt wär gewest, Euer Weisheit mit meinem klein- wirdigeu Gemäl zu einer Gedäohnus zu verehren, hab ich doch Solche? aus Mangel meiner geringschäizigen Werk unterlassen