Die Erneuerung. 281 Z. Ein landläustges Urteil hält dafür, daß Dürer nur in -zwei Zeiten seines Lebens die Bildniskunst eifriger pflegte: in den Anfängen und gegen Ende; in den etwa zwei Jahr- zehnten dazwischen soll er das Bildnis vernachlässigt haben. Eine solche Meinung kann man nur gelten lassen, wenn man den Begriff des Bildnisses einschränken will auf das aus- geführte Gemälde. Als Zeichner hat Dürer mit den ,,Eonter- feten" an keiner Stelle seines Werkes ausgesetzt, und er- weitert man die Bildnisse nach bekannten PersE3nlichkeiten -noch um die zahlreichen Kopfstudien nach Modellen, so wird man Jaro Springer zustimmen in" seiner Ansicht, daß steh ,,,die Porträts beinahe gleichmäßig auf die ganze Lebensarbeit .Dürers verteilen". Wenn wir trotzdem eine Gruppe früher Bildnisse in scharfen Gegensatz bringen zu der der letzten Jahre, so gibt uns das Recht dazu die starke innere Entwicklung, die Diirer grade auf diesem Gebiete erlebt hat. Die Kunst des Malens ,,behält die Gestalt der Menschen nach ihrem Absterben": diesem ersten Glaubensbekenntnis der sruhmesdürstenden Renaissance, und nur ihm hat Dtirer in seinen Anfängen die Bildniskunst unterstellt. Er will es der Nachwelt erzählen, wie er und die Menschen, die ihm etwas waren, in Wahrheit ausgesehen haben. Besonde"rheiten der .Dargeslellten werden betont, in den 8eichnungen oft bis zum Übertriebenen; das Augenblickliche, sofern es tennzeichnend ist, wird mit schnellem Griffel festgehalten. Das Bild soll sprechen. Ein leichtgeöffneter Mund, ein leises Lächeln, eine überraschende Wendung smd Dürer willkommene Vorwürfe, wenn sie nur von der Art des Dargestellten etwas auszusagen haben. Es ist das Verfahren der ältesten Geschichtsschreiber, bei denen die Geschichte noch in lauter Geschichten zerfällt, und die darum der scharf umrissenen Anekdote den Vorzug geben vor der weilenden Betrachtung.