14. Stille Jahre und Weltlärm. I. Drei siille Jahre folgen. Ihre künstlerische Ernte ist für die Triebkraft eines Dürer nur gering und steht in starkem Gegensatz zu der Fruchtbarkeit der vergangenen Jahre und derer danach. Und noch etwas anderes fällt auf, wenn man sich ihnen nähert mit der frischen Erinnerung an das ,,Gebet- buch": die merkwürdige Kälte, das Ausgeklügelte bei den meisten dieser Arbeiten. Wir nehmen als bezeichnendes Ge- mtilde das Augsburger Marienbild mit der Jahreszahl 1516. Man möchte fast an eine Fälschung glauben, so taub im Ausdruck ist dieses Werk, so wenig aus dem innigen Gefühl heraus für unsere liebe Fraue; selbst die vornehmen Damen aus der Benezianer Zeit sind eines reicheren Lebens voll. Aber eine Fälschung ist es nicht, die sorgsamsie Prüfung hat die Echtheit anerkennen müssen. Zudem steht dieses Werk ja auch nicht allein. Eine große Aktfigur, zum ,,Selbstmord der Lukretia" hergerichtet (München), der Kopf einer ,,betenden Maria" (Berlin), so verschiedenes sie gegenständlich sagen, haben doch gemeinsam das Kalte und mühselig Erdachte. Was ging in Dürers Seele vor, das seine Arbeit eine so scharfe "Wendung machen ließ? Der andere in ihm, der Grübler und Gelehrte hatte wieder einmal Macht gewonnen über den Künstler. Maxi- milian hatte Dürer für seine treuen Dienste mit einem Leib- geding von hundert Gulden jährlich bedacht, der Sorgen um das tägliche Brot war er enthoben, und so konnte er jener