206 Der MenfOk)EUsVhU- sei es einer geschichtlichen Persönlichkeit, sei es eines Land- schastscharakters, zu allgemeiner Gültigkeit zu erheben. Niemals aber geschah es, daß solch ein zwingender Herrscher- gedanke einem Künstler wie ein Gnadengeschenk mühelos zu- teil ward. Sie alle haben um ihn ringen müssen, hatten viel- leicht den besten Teil ihrer Schaffenskraft dranzugeben, ehe Je der Form d.as Einfache und Gebieterische eingeben konnten, an das die Allgemeinheit glaubt. So auch Dürer. Wenn wir ihn im Jahre 1511, als er die kleine Pafsion herausgab, fähig sehen, der nordischen Christenheit eine Auffassung des Lebens und Leidens Jesu mitzuteilen, die scharf entgegengesetzt ist der herkömmlich mittelalterlichen ebenso wie der katholisch südlichen, und die trotzdem wie geoffenbarte Natur ohne weiteres eine ganze Rasse überzeugt, dann wissen wir, daß hinter einem solchen Werk eine Geschichte von langen Jahren und tiefen seelischen Erlebnissen stehen muß. So schwer, ja vielleicht unmöglich es sein mag, dieser Geschichte bis ins Letzte zu folgen, darf gleichwohl eine gewisfenhafte Forschung ihr nicht ausbiegen. Sie ist wahrlich für das Kunsierkennen wesentlicher als die Feststellung gewisser handwerkerlicher Eigentümlichkeiten, um die heute so viel hin nnd hergestritten wird. 4. Im Britifchen Museum befindet sich eine Kohlezeiohnung aus dem Jahre 15o3. Dargeßellt is? der Kopf des Dorn- gekrönten, mit dem Tode ringenden Heilands, das Antlitz zerwühlt von Schmerzen, mit oß"enem Mund und gei"ahlossenen Augen. Namenszug und Jahr Jud klar erkennbar; von der verwifohten Inschrift lassen sich mit Beskimmtheit nur ent- ziffern die Worte: ,,D . . . . . angeficht hab ich . . . gemacht in meiner kranckheit."