138 Kirche und Welt. Aus dem Grisfelkunstwerk ließen sich noch verschiedene Blätter nennen, die Dürers Marienliebe zu dieser Zeit ebenso beredt zum Ausdruck bringen, wie die Fortschritte seiner Kunst aus dieser Stimmung heraus. Das schönste unter ihnen ist ein- kleiner Kupferstich von 15o3: Maria in einem Heckenwinkel, wie sie das Kind fängt. Ein Stückchen Rasen, ein paar dürftige Latten mit Rankengewc"ichs, ein Vögelahen drauf, vorne Mutter und Kind, das iß alles, und doch das ganze Deutschland! Doch die Verinnerlichung .Diirers in jenen Jahren, durch jene Jahre drang tiefer noch ein. Er bekam einen seherischen Blick nicht nur für die kleine Welt um ihn her, das Wohnskubenglück, dessen er selbst nicht teilhaft werden sollte: auch die Welt des Kleinsten ward ihm nun erschlossen. Jedes Tier, jede Pflanze, ja jeder Stoff gab sich ihm als ein Besonderes, als ein Wort der Schöpfung, dessen Sinn er zu erfassen trachtete. Das nun isk.ein ganzer Abschnitt deutscher Kunsigeschichte für sich. 4 Die Wiener Albertina bewahrt ein Blatt, in dem beides, Mensohliches und Tierisohes ineinander geht wie in alt- germanischen Tier- und Pflanzenfabeln. Es is? die Farben- zeichnung der ,,Maria mit den vielen Tieren'-. Von einem Stück Marienlebens sprachen wir, das die heilige Familie in jeglicher Umgebung um sich beisammen haben wollte. Hier is? es noch mehr. Eine ganze Arche Noah, mit aller Kreatur besrachtet, scheint ausgeladen auf einer selig ein- samen Jnsel. Vögel und Insekten, vom Sohwan bis zur Libelle, Blumen von der Sohwertlilie bis zum Nasenblümchen, ein Uhu in einer Baumsiumpfruine, ein Fuchs an der Leine, ein schnatternder Papagei, die ganze Naturgeschichte ist da.