6. Die neue Zeit. 1. Es war ein anderes Nürnberg, in das Dürer nach seiner Wanderfahrt eintrat. In einem schnellerm Zeitmaß als früher hatte man inzwischen dort gelebt, vieles war ent- wertet, anderes ins Licht gerückt. Auch siumpfere Augen als Dur-ers hätten es wahrnehmen müssen, daß vier Jahre des Fernseins hier etwas Besonderes waren. Es ging hart auf 15oo, die Geister schieden sich. Der Fanatismus der Kirche hatte sich erhitzt bis zu den Schrecken der Kclzergerichte. Innozenz vllI. ließ gegen Deutschland seine zornerfüllte Balle los ,,sumn1is desjderantes". Das Buch vom Hexenhammer, 1489 erschienen, verwirrte die Geister vollends. Jnquisitoren wie Sprenger, Krämer und Gremper machten sich an die Arbeit; den Rhein entlang loderten Scheiterhaufen empor. Es war dieselbe Zeit, da Savanorala in Italien wütete und in Flammen ausgehen hieß, was denen im Süden das Leben schön und begehrens- wert machte. Scheiterhaufen für die Kunst, das blieb dem Norden wohl erspart. Auf eine andere Art aber drohten die Mächte der Tiefe bei uns das Schöne zu vernichten: die Kunst wurde dämonisiert. Wir haben ein Werk, das wie ein Sinnbild die ganze Bewegung in Eins zusammenfaßt: die Versuchung des heiligen Antonius, ein Kupfersiichblatt Martin Schon- gauers. Wie die neun Unholde da die edle Gestalt des Heiligen von allen Seiten anfauchen, an ihr zerren und kratzen und