Bei den Eltern. 57 zu sprechen bei allem, was er sann und bildete. Eine Dar- stellung der Kunst Albrecht Dürers ließe sich denken, die ihren Gegensiand behandelte wie ein Musiker die Aufgabe Tema c0n variazi0ni. Die Gotik und der ihr inne- wohnende Formwille ist das gegebene Thema, dem immer neue Abwandlungen geschaffen werden. Der Unterschied ist nur, daß bei einer Variationenfolge die Stücke gleich- wertig nebeneinanderstehen und ihrer keins das Thema zu verleugnen sucht. Bei Dürer hingegen ist es ein stetes Darüberhinauswollen, ein ewiger Kampf mit der Gotik. Deutschlands größester Künstler hat zeitlebens gerungen mit Deutschlands ältesten Kunsiüberlieserungen: das ist eine Er- scheinung, die wohl besonnen und wohl ergründet werden will. Was wollte die Gotik? Was wollte Dürer? Z. Spiralige, sich rankende Gebilde beiiimmen wie die sGotik, so jede andere Formkunst nordischer Herkunft. Was war es, das dieser herrischen Ornamentik die Kraft gab, daß -sie buchsiäblich durch Tausende von Jahren über eine ganze Rasse Macht behielt? In den früheiken, iieinzeitlichen Anfängen iß wohl alles klar. Die Spiralgebilde der Trojaburgen ahmten den Lauf der Sonne nach; dem schamanistisch denkenden Menschen lag daran, diese zauberischen Abwehr- und Beschwörungsmittel überall und immer um sich her zu haben. Warum aber ließ der Nordländer auch dann nicht von ihnen, als der Horizont des Schamanismus längst unter ihm lag? Wir nehmen ein beliebiges, nordisch ornamentiertes Ge- bilde der Bronzezeit in die Hand; die Sonnenscheibe von Trundholm, eine 8ierplatte, ein Hängegesäß, gleichviel was. Es ist schön, ein solches Werk, es kann ,,noch heute ein Auge