lst das l(orsett notwendig? cegt man diese Frage Frauen vor, so wissen die meisten keine Flntwort darauf: man trägt eben ein l(orsett, weil alle es tragen, weil man es so gewohnt ist, weil es sich so schickt. Das ist natürlich keine Flntwort über den Zweck, über die notwendig- keit, sondern nur ein Zeichen, daß die Betreffenden nie darüber nachgedacht, weshalb sie sich in diesen lJanzer stecken. Wir Reformler empfinden ob dieser Unwissenheit vielleicht ein klein wenig Schadenfreude, es überwiegt aber das 6efühl einer ge- wissen Hoffnung, daß solche Frauen, wenn sie erst einmal zum l"lachdenken über das liorsett kommen und dasselbe als über- flüssig oder gar schädlich erkennen, sie auch für ein weglassen zu gewinnen sein werden. Bei manchen mag diese Hoffnung enttäuscht werden, ihnen ist mit 6ründen nicht beizukommen, vielmehr der alte 6ewohnheitstrott so in Fleisch und Blut über- gegangen oder die ldee, etwas l1eues zu beginnen, so schrecklich, unbehaglich und verwirrend, daß sie trotz allem im alten 6eleise weiterwandern. Diese eingerosteten Seelen sind bedauernswert, sie stemmen sich überall dem Fortschritt entgegen, aber sie ver- mögen ihn nicht zu hemmen, nur zu verz6gern; ist aber der Strom erst stark geworden, nun dann schwimmen sie selbstver- ständlich mit und am unentwegtesten! siun hat es aber nicht an Leuten gefehlt, die da auch über das liorsett philosophierten und seinen Zweck zu ergründen suchten. Sie gingen dabei von dem für alle 6ewohnheitsmenschen so schmeicl1elhaften Prinzip aus, daß etwas, was so lange üblich, doch einen Sinn haben müsse und vertieften sich derart in dieser Annahme, daß sie darüber fast vergaßen, daß auch die Frauen Muskel, Knochen und Sehnen haben. 1"lun weiß man aber, daß die Frauenwelt nicht immer in l(orsetts zu stecken pflegte. Da wird man also hübsch wissenschaft-