Die Kartons Von Peter Von Cornelius. , J enn in einer Gemäldegalerie ein Bild uns stehen zu Ä H bleiben reizt, ein Porträt zum Beispiel, dessen Züge Z sogleich in unsere Erinnerung sich einzugraben be: s7sQY9 ginnen, ohne daß wir wissen warum, und ehe wir noch gefragt haben, wer es gemalt habe und wen es darstelle, so scheint wirklich in diesem Falle ein Kunstwerk in der reinsten Weise auf uns einzuwirken. Unmittelbar spricht das Lebendige zum Lebendigen. Es bedarf keines Hinweises vorher und keiner Erklärung für die Folge. Wenn der Eindruck aber, den das Bild auf uns machte, uns zu ihm zurückzieht2 Wenn wir zu fragen anfangen2 Wenn wir erfahren, der Künstler, der es malte, sei ein großer Meister gewesen, Michelangelo vielleicht, und die Frau, welche er dar: stellte, eine Frau, deren Schicksal mit dem seinigen verknüpft war, Vittoria Colonna vielleicht2 Das Bild wird jeZt eine Bedeutung für uns gewinnen, die es vorher trotz all unserer Hingabe an den reinen Genuß seiner Schönheit nicht besaß. Die Augen werden anders zu blicken scheinen, und die Schicksale des Meisters sowohl als der Fürstin wie ein wunderbarer Firnis gleichsam über der Tafel liegen, durch den die Farben lebendiger leuchten als vorher. Bei den Werken großer Künstler ist die Kenntnis der Um: stände, unter denen sie arbeiteten, fast eine Bedingung für das wahre Verständnis. Es ist ein durchdringender Geist denkbar, der, ohne ein Wort von den Schicksalen und der Zeit des Meisters zu wissen, bei der bloßen Anschauung der Arbeit all diese Kenntnis sogleich mitempfinge. Aber solche Genies sind fast ebenso selten als die großen Künstler selber. Für die Mehrzahl der Kunstfreunde bleibt es ein Gewinn, sich mitteilen zu lassen, was von Nachrichten zu erlangen war.