Tizian. I. Mariä Himmelsahrt von Tizian. IT er Unterschied der heutigen Kunst von der, die vor , einigen hundert Jahren betrieben ward, liegt in Ä J ihrer Notwendigkeit damals und in der gänzlich ;Ys verschiedenen Stellung, welche sie heute dem Volke gegenüber einnimmt. Die alten italienischen Meister waren nur Werkzeuge. Bilder verlangte man; die Jdeale, welche das Volk im Herzen trug, erblickte es am schönsten, wenn es sie in bunten Gestalten vor sich sah. Undenkbar war den Leuten damals eine christliche Kirche ohne bildliche Darstellung der Personen, zu denen sie beteten. Man bedurfte des Anblicks der heiligen Jungfrau mit verklärtem Gesicht, rotem Gewande und blauem Mantel. Man wollte die Apostel vor sich haben: Paulus und Petrus als starke, bärtige Männer, Johannes als fkauenhaft reisenden Jüngling. Gottvater mußte hernieder: blicken mit hoher Stirn und gewaltigen Locken um Haupt und Lippen, Christus mußte seine Augen auf uns richten als ernstes, himmlisches Kind oder als reines, männliches Antlitz, und die Engel auf zitternd schwebenden Gewölken, die Heiligen in walIenden Kleidern: eine unendliche den Himmel bewohnende Bevölkerung, die den Seelen der Menschen ferner gewesen wäre, hätten sie nicht die reinen Gestalten, die Falten der Gewänder, das heranlockende Lächeln, den ewigen Äther mit Augen gesehen, als das Land der Sehnsucht, das jedem ent: gegenwinkte, der dahin emporsah. Das ist heute anders. Für die Befriedigung solcher Wünsche gibt es keine bildende Kunst mehr. Die Zeit ist fortgeschritten, und die Gedanken haben die Stelle der sinnlichen Anschauung eingenommen. Die Sprache ist in die Rolle der bildenden Kunst eingetreten, ein reineres, mehrvermögendes Werkzeug als sie. Zu der Zeit, als Nassael malte, gab es keinen Menschen,