l Die AlIerreinste. Man kann sich hier die Bezeichnung vapo1-oso gefallen lassen. Sie will sagen, daß er die Härten von Umriß und Fläche verfliichtigte, das; er zwischen Auge und Gegenstand das Medium von Luft nnd Licht schob, die das durchgelaszene Bild sich verähnlichcn als verrauche die Oberfläche, ein farben- 11nd lichtgetränkter Dunst, als seien die farbigen Gestalten nur eine Erscheinung der Lichtbrechung in jenem grauen Medium, wie der Regenbogen auf der Regenwand. Die Farbenharmonie ist vom feinsten Geschmack. Er stellt warme lenchteude Farben, von satter Tiefe, zusammen mit kühlen oder in Gran gebrochenen, und zwar sind diese meist dem Raume nach überwiegend; eine sehr lebhafte Farbe von kleinem Umfang (z. B. grün, karmesinrot) schiebt sich dazwischen. Weis; giebt den Maß- stab siir-Wert und Ton. So finden sich z. B. Granblau, Granviolett, Lila neben Gelb, bald hell, bald dunkel. Tiefes Grün und Blaugrün neben Triibrosa mit breiten blossen Lichtern; Dunkelblau nnd Orangebraun, Hellblau nnd Psirsichblüte. Jn unserem Bilde der heiligen Anna herrschen gelbe und gelbbraune Tinte-n, nebst mattem Karmesin und wenig Grün. So kann Murillo in Tagesbildern ganz sarbig sein, ohne ueutrale Zwischen- lagen, und wird doch nicht bunt. Die der dunklen, kalten Seite des Farbenkreises angehörigen Werte verleihen der Harmonie Vorneh1nheit; die warmen, hellen, zusaunnen mit den Lichtdurchbrechungen des Grundes, zwischen Wolken oder durch ein Thor nach dem hellen Marmorhof, geben die Heiterkeit der: Lichtsülle. Die .;U1erreinste. Die Reinheit (I-a Pan-zu, I-o. Purisim-.) nannte man in Spanien die Dar- stellung einer Glanbensmeinnng, in deren Geschichte MurilIo's Vaterstadt eingegriffen hat. Die Barstißer hatten seit Dnns Scotus die Verteidigung dieser Lehre zur Ordenssache gemacht; für Kirchen ihrer Religion hat MurilIo die zwei für seine Kunst so wichtigen, Anfang und Ende seiner Laufbahn bezeichnenden Gemiildect)klen ge- arbeitet; unter ihrem Einfluß ist er auch ,,der Maler der Conceptionen" geworden. Seine früheste und die in mehr als einein Sinne großartigste Verdolmetschnng dieses Mhsterinn1s befanden sich in S. Francisco el Grunde. ,,Darstellungen einer Glaubensmeinnng" eigentlich war die Jtinj,cieIlada" Coueepeion ein theologischer Begriff, für die Kunst undarstellbar. Jahrhnndertelang "ist sie nur mit Hilfe der Syn1bolik gemalt worden. Die 1nittelalterliche, geschichtlich- legeudarische, andeutende Darstellung der En1pfängnis Maria durch die Botschaft des Engels nnd die Begegnung der Eltern an der Goldenen Pforte (bekannt aus Diirers Marienleben) war längst nicht mehr im Geschmack der Zeit. Schott im Juni, Mut-illa. 7