42 Muriklo. dunkelste Madonna wäre. Man könnte sie sich dann erklären als ersten Versuch des zum Naturalismus Neubekehrten. Das dicke fast komisch unbehilfliche Kind ist die Arbeit eines Knechts der Natur. Die großen niedergeschlageneu Augen der Mutter, die breite, dreieckige Nasenwurzel, der stark gekrümmte, lange Nasenrücken, in eine feine Spitze endigend, die mit unschöner Schärfe gemodelteu Lippen erinnern an Byzantinisches: hier ist vielleicht gewollter Anklang an ein altverehrtes Kultusbild. Allgemeinen Beifall mag er sich zuerst erobert haben durch die Rosenkranz- madonna, aus deren Wiederholungen zu schließen. Sie kommt vor im Pitti im Louvre (547), bei Sir W. Eden, hier bezeichnet: Mm-illa, ji, sie war auch in der Aguadogalerie, da hielt das Kind einen Apfel. Das länglich zugespit-3te AntliH, die etwas scharf gebogene Nase mit starken Seitenfalten, das lange Untergesicht: das ist ein Typus, sehr abweichend von denen die später feine Landsleute entzückten. Eine statt- lich hohe Gestalt; ihr Auge glücklich, freundlich, etwas ermüdet; das des (bekleideten) Kindes mit auf die Schulter geneigtem Köpfchen zutraulich, behaglich, sinnig. Sehr viel Umstände sind gemacht mit dem vielfarbigen Anzug, dem bunten Tuch, Kissen; das Kleid ist bauschig, von vielen, tiefen und dunkelfarbigen Falten durchschnitten. Die Zeichnung elegant, aber etwas hart, der Eindruck gemütlicl) bürgerlich. Bald machte er den Schritt zur Einfachheit und Jnnigkeit in Form, Empfindung und Darstellung. Man wird der Virgen del rosario (Prado 870) vor vielen malerisch reicheren den Preis geben. Auf ganz dunklem Grund treten die beiden Gestalten plastisch hervor; das warme, bei dem nackten Kind weiße Jnkarnat gehoben durch die ernst gefärbten (das Kleid hellviolett) und dunkel fchattierteu Stoffe. Ein gutes Bei- spiel des ,,warmen Stils"! Das Kind steht auf dem Schoß, umschlingt den Hals der Mutter, die es ebenfalls umfaßt, es schmiegt sich an ihre Wange, also daß die vier gradausgerichteten, großen schwarzen Augen fast in eine wagerechte Linie kommen. Man sieht meist nur diese Augen. Diese ernst inuigen Augen sagen, daß beide einander die Welt sind und nichts wollen von der Welt. Und so begegnen uns überall in dieser Klasse Bilder vollkommener Ruhe, in wechfelnder Mischung von glücklichem Genügen und träumerischem Sinnen. Keiner hat die Bedeutung des in senkrechtem Strahl die Bildfläche treffenden Blickes solcher dunklen Augen begriffen wie Murillo. So lange man sie einander zukehrte, blieb der Betrachter draußen; hier wird er gewissermaßen ins Bild mit aufgenommen, er tritt unter den Zauber der himmlischen Gegenwart. So wirken diese DarstelIungen in ihrer Handlnngslosigkeit eindringender als viel reichere und bewegtere, wie auch unter Michelaugelo's Sibyllen die delphische die stärkste Anziehungskraft ausübt.