28 Mut-illa. aus ihrer Tiefe spaziert ein zierliches Knäblein herab, so zart als hätte es sich aus Mutterarmen weggeftohlen. Ein Engel in respektvoller Entfernung dient, sich zurück- wendend, als Wegweiser, der Mönch breitet ihm die Arme entgegen. Gewiss, keine sinnigere Anspielung wäre im Legendenschatz der Kirche zu entdecken gewesen für eine Taufkapelle. Nun durfte jede Mutter, die ihr Neugeborenes als göttliches Geschenk betrachtete, sich dem begnadigten Bruder gleichstellen. Vielleicht war der Gedanke dem Maler selbst aus der Fülle ersten Vaterglücks aufgegangen. Dies ist das Werk in dem Murillos Genius zuerst, ein zum Licht empor- steigender Adler, Raum fand seine Schwingen auszubreiten. Es ist sehr klar gemalt, Umrisse und Formen bestimmt und rund, der Eindruck reinen Lichts gewonnen durch die vollendete Kunst der Kontraste und Übergänge. Ein gewöhnlirher Maler hätte für die Einheit des Lichts gefürchtet von jener offenen Thür in den Kreuzgang; aber er bedurfte dieses Tage-Nichts zur Vergleichung mit dem übernatürlichen Licht. gravis: Maria ca 23l'anca. Einige der glüct"lichsten Schöpfnngen Mnrillos verdankt man dem Verhältnisse zu einem Geistlichen der Kathedrale, dem Prebendado D. Jnstino de Neue, seinem lang- jährigen Gönner nnd Freunde. In den fünfziger Jahren war eine Erneuerung des Innern der alten Kirche S. Maria de las Nieves, genannt la Blanea, in Angrifs ge- nonnnen worden. Bis 1391, wie die Kirche gleichen Namens in Toledo, Synagoge, war sie jetzt Hilfspfarrei der Kathedrale. Außer der barock schwerfälligen Stueeatnr- bekleidung (1659) stammen aus dieser Zeit (angeblich 1665 vollendet) vier Gemälde in den Schildbogen unter der Kuppel nnd an den Wänden beider Abseiten. Diese halb- kreisförmigen Stücke (mr-dies punt0s) waren also wieder Ersatz für Fressen. Sie bezogen sich auf den Marienknltns. Die zwei größeren unter der Knppel stellten die Griindungsgeschichte der ältesten und größten Marienkirche zu Rom dar, S!" Maria Maggiore oder ad Nivos; das Knltusbild unseres Tempels hieß S!" Maria de las Nieves. Beide sind jetzt in der Akademie zu Madrid. Das dritte war eine Verherrlichung der damals in Sevilla eifrig bekannten Lehre von der unbe- fleckten Empsängnis (i1n Louvre 546). Das vierte eine Allegorie des Glaubens, insbesondere an eben dieses Mysterinm (der Verfasser sah es einst in-Lynsord HalI, Norfolk). Alle vier waren von dem in diesem Punkt wolberatenen Marschall mitge- nommen worden; ebenso verschwanden eine Dolorosa und der Täufer Johannes. Auch hier hat Murillo diese hohen Bogenslächen, wo Lichtösfnungeu so gut wirken, mit Visionen geschmückt. Man könnte die beiden ersten nach einem bekannten Vor- bild ,,Tag und Nacht Murillos" nennen. Es sind der Traum des römischen Edelmanns