l9erugit1o. Perugia ist der SchauplaH der größten Mordtaten und des graufamsten Blutvergießens gewesen und Perugia ist zugleich die Heimatstätte der mildeften, zartesten Kunftweife in der italienischen Renaiffanee. Kommt man aus dem Tal herauf bis zu dem Hochs land der umbrischen Berge, so erhebt sich auf ansteigender Höhe gleich einem drohenden Kaftell die von vielen Warttürmen überragte Stadt. Aber ist man emporgestiegen, so schweift der Blick frei hinaus in das wogende Bergland, und die Burgen und Städte, die sich da oder dort erheben in dem lichten Glanz des hellen Sonnentages, haben nichts Bedrohliches mehr. Sinkt dann am Abend die Sonne hinab und steigen die Nebel aus der Ebene auf, dann sind es die turmbekrönten Gipfel, die noch am längsten das Licht der Sonne künden und zuletzt erst in das Dunkel der Nacht untertauchen. Dort oben hausten die Baglioni, bei denen Bruderzwist und Verwandtenmord an der Tagesordnung war. Mit dem Schwert an der Seite sollen sie, wie der Volksmund sagte, geboren sein und den Panzer legten sie nie ab, auch nicht dem eignen Bruder trauend. Wundertaten haben sie in ihrem Heldenmut vollbracht, ein Heldenmut, der leider nicht großen Aufgaben, sondern nur persönlichen Leidenschaften, Haß und Gier dienen sollte. Es muß ein herrss licher Anblick gewesen fein, als Astorre Baglione im Jahre 1495 dem auf der Piazza in Perugia gegen Hunderte von Feinden sich wehrenden Simonetto Baglione zu Hilfe kam, ,,hoih zu Roß in vergoldeter Rüstung mit einem Falken auf dem Helm, dem Mars vers gleiihbar an Anblick und TatenE. Der Feind wurde niedergemet;,elt oder entfloh, der schon aus zwanzig Wunden blutende Simonetto richtete sich wieder auf. Aber die Rache folgte bald. Der Sommer 1500 brachte jene berühmte Bluthochzeit, an der Astorre mit der Lavinia Colonna getraut wurde. Zwei Verwandte, Griffone und Carlo Barciglia, sannen ein Komplott ans. Am 15. Juli, nach einigen Tagen froher Feste, erfolgte die Mordtat. Astorre, Simonetto und die Brüder wurden gemordet. Auch diese schaurige Bluttat schrie nach Rache. Die geflüchteten Baglionen, Gianpaolo an der SpiHe, kehrten zurück und nicht lange, so war des jungen Griffones Leiche das Zeichen der Sühne. Seine schöne Mutter Atalanta stand bald klagend bei dem Toten, aber nicht Rache fordernd, sondern Vergebung flehend. Für diese Atalanta hat fpäter Raffael feine berühmte Grablegung gemalt, die wie ein Wahrzeichen der Klage ob des Leides im Hause der Baglione, aber auch als Friedenszeichen nach all den Morden und Zwisten entstanden ist. Vorläufig war Frieden und Ruhe in Perugia, das 1506 in die Hände Julius II. fiel. Wie weiter der Fluch von neuem ausbrach, der schließlich ein Ende hatte im Untergange der Familie, das liegt außerhalb der hier in Betracht kommenden Epoche. Von diesem Perugia hat Perugino seinen Namen. Er hat ihn zu Recht, denn er hat, wenn auch nicht dort geboren, der umbrifchen Künstlerschule von Perugia eigne Art verliehen und den größten Vertreter italienischer Kunst erzogen, den Raffaello Santi.