4 Giovanni Battista Tiepolo. durch seine kulturhistorische Bedeutung inner- ist an die Stelle der einstigen reichen Durch- halb seiner Zeit, deren feinste Züge er mit schnittsbildung getreten; Mann und Weib den geschärften äußeren Sinnen des Ver- erbauen sich an den derben Zoten der fallmenschen belauscht und sichtbar in seinem Volkskomödie in erschiitternder Genügsam- Werk verarbeitet hat.-Er ist nämlich nicht keit; kein Geist würzt mehr das Genuß- nur ein Nachempfinder Veroneses in den leben wie zur Zeit ihrer Vorfahren, und künstlerifchen Mitteln und Wirkungen, son- Volkskomödie, Ballett, Spieloper, der ge- dern vielmehr eine Parallelerscheinung zu schickte Moralphilister Goldoni, ein bißchen jenem. Hat jener uns die edlen und ent- Kirchenmusik, ein bißchen dekorative Maler- zückenden Gestalten des venezianischen Ein- kunst machen ihr ganzes geistiges Bedürf- quecento und die 1närchenhafte Pracht, in nis aus. Dante mußte sogar eines Tages der sie sich bewegten, in der graziösesten besonders für sie wieder entdeckt werden, Kunst seiner Epoche gezeichnet und gemalt, Boccaccio freilich und besonders die Liebes- so hinterließ uns Tiepolo zweihundert Jahre abenteuer in Tassos ,,Jerusalem" und Ariostos später in fast analoger Bedeutung ein berau- ,,Roland" haben sie, wie Tiepolo beweist, schendes Karnevalsbild von jenem Verfall- nicht vergessen. venedig im XVIII. Jahrhundert, das singend, Von der alten Aristokratie waren nur tanzend, kokettierend, in lechzenden Zügen noch die Namen da. Die Männer er- den letzten Lustbecher schlürfend, mit blinden hielten sich nicht mehr durch thätige See- Augen den nahen Abgrund nicht sah; die fahrt und Kaufmannschast frisch für ihre leidenschaftlichen Bewegungen des feurigen Staatsgeschäfte; sie prunkten nur noch mit Monferrinareigens und der wirbelnde der Würde der letzteren, waren sonst un- Rhythmus des zur Verfallzeit nicht minder thätig, verweichlicht, nach französischem beliebten Furlanatanzes flehen mit der Muster vergeckt und schwenkten mit zier- schmeichlerischen Brünstigkeit einer wilden, licher Verbuhltheit gegen die noch immer schier zigeunerhaften Hochlandsweise durch schönen Frauen den DreispiH, jenen durch die taumelnden Exstasen seiner Malerkunst, Verdis Arie im ,,Karneval" unsterblich ge- und alle Stimmen daseinsvergessener Lust wordenen ,,-Hut mit drei Ecken", welcher jauchzen in ihr, so scheint es, zur mit allem Drum und Dran charakteristisch legten Sinnlosigkeit auf, um den grauen für die Zeit geworden ist. Die großen Ascherwittwoch noch hinzuhalten, dessen Vermögen fchmolzen in wilder Spielleiden- erste Stunde eben anbricht. schaft und durch die Regatten zusammen, Venedig! Wie verändert ist im dasBravitu1n blühte,-umdieunterirdischen XVIII. Jahrhundert das Menschensein in Gefängnisse und die Bleidächer von S. Mar- den Lagunen gegenüber dem reichen und co als Heilanstalten für Lippenvoreiligkeit ausgegohrenen BildderKulturimXVI. Jahr- spann sich ein ganz Europa beschäftigender hundert! Nur die ewig farbenvolle und ro1nantischer Nimbus, wie er uns aus Milde Natur ist noch da nnd nur noch die Schillers Geisterseher und zahlreichen Ro- architektonische Kulisse von einst; auch der manen jener und der folgenden Zeit vor Karneval lebt noch, und die großen Feste Augen tritt; die Charaktere verrohten; edle mit ihrem reichen Prunk werden noch eben- Namen, wie die der Pisani, Eontarini, sind so ceremoniell und mit denselben verknöcher- als Banditen, SchmaroHer, Hochstapler der ten Symbolen gefeiert wie einst, aber es Nachwelt überliefert, und wenn man die sind andere Menschen als einst, die im Zuge Skandäler innerhalb der Gesellschaft, sogar mit hochmütigem AntliH gehen und scharf innerhalb der Kloster1nauern, soweit sie nicht um sich schauen, ein winkendes Liebes- vor der Offentlichkeit unterdrückt wurden, abenteuer, einen tollen Streich, eine arm- überblickt, so staunt man über das ver- selige Jntrigue zu erspähen. Nur Schatten su1npfte Ehr- und Sittlichkeitsbewußtsein.. wandeln über die Bühne, der geniale Luxus, Spiel, Maitressenwirtschaft fraßen Schwung ist heraus, der Charakter ver- in gleicher Weise an Vermögen und Lebens- derbt, die Koketterie ist in nervöser Be- kraft, eine nervöse Unstetigkeit trieb diese flissenheit dabei, Leidenschaft zu markieren, Verfallvenezianer zügellos von Genuß zu die in naturechter Erscheinung sehr selten Genuß. geworden ist. Die gesellschaftliche Phrase VonderaltenorientalischenAbgeschlossen-