100 Pinturicchio. schilderungen, für großräumige Flächen und recht viel Menschengedränge kann es nicht Wunder nehmen, wenn er auch die Tempel: scene kühn auf einen freien Plah vor dem Tempel verlegt hat. Das große Heiligtum von Jerusalem, ein schöner Centralbau nach älteren Mustern entworfen, mit einer Statue der Flora links, der Minerva rechts in den geräumigen Nischen bildet den ge: schlossenen Hintergrund für die aufsallend geseHmäßig komponierte Schilderung der Disputation. Der kleine Jesus schreitet mitten durch die Schriftgelehrten hindurch, wie die heilige Caterina seine Beweisgründe an den Fingern herzählend, während alle die Weisen um ihn her ihn zu kontrollieren und zu widerlegen versuchen. Von links her drängt sich ein neugieriger Menschen: hause heran, und etwas abseits von der Menge erscheint im Vordergrunde ein wür: diger geistlicher Herr, wahrscheinlich Troilo Baglionii selbst. Vielleicht ist auch der Knabe ganz links ein Sproß des alten Geschlechtes, der mit ,,frisch gewaschenem MorgengesichtE ein großes Buch unver: dauter Weisheit mit sich schleppend, wie eine Schnecke unwillig in die Schule schleicht und von einem eifrigeren Genossen,n vielleicht einem kleinen SchuHheiligen, am Armel mit fortgezogen wird. Rechts nahen sich Joseph und Maria, edle, ganz von Pinturiechio selber ausgeführte Jdealgeftalten fAbb; 85D. Eben sind die Eltern des schmerzlich gesuchten Knaben ansichtig geworden, und der zornss 1nütige Joseph möchte ihn sofort aus dem Kreise der Schriftgelehrten mit nach Haufe nehmen, aber Maria hält den Gatten sanft am Gürtelbande zurück, die eifrige Dis: putation zu stören. Die Karikatur des alten Weibes hinter ihr ist uns bekannt; Pinturichio hat denselben Kopf schon bei der Bestattung des heiligen Bernardin ver: wandt, wie sich auch in den Schristgelehrten mancherlei Anklänge an die Disputation der heiligen Caterina wiederfinden. Unendlich viel reizvoller als dies ,figuren: reiche Fresko ist die Anbetung der Hirten CAbb. 86s behandelt, trog der mangelhasten Komposition und der nngliicklichen Verteilung der Figuren in ein großes Landschastss gemälde. Aber Pinturicchio hat sich hier schon ganz vom Ballast römischer Erinne: rungen frei gemacht, er hat in der Heimat sich selber wiedergefunden nnd schildert die Verehrung des Kindes durch die Mutter, die Engel und die Hirten auf dem grünen Wiesenboden in der weiten fröhlichen Lands schaft mit all dem Zauber umbrischer Naivetät. Kaum ein anderes Gemälde des Meisters verfügt über so mannigfache Reize der Natur; hier erst ermessen wir den Vers lust der Städtebilder in den Loggien des Belvedere. Im fernen Hintergrunde ruht geheimnisvoll ein blauer See von steil absallenden Ufern begrenzt, ein phantastisches Städtchen ist im Mittelgrunde am Fuße eines allmählich ansteigenden Gebirges aufs gebaut, und davor hebt sich ein einziger Eypressenbaum mit goldenen Früchten aus dem niederen Gebüsch empor. Gleich das neben, mehr im Vordergrunde, türmen sich die für Pinturicchio so charakteristischen, übereinander gelegten Felsmassen auf, von welchen eben der Troß der heiligen drei Könige den beschwerlichen Abstieg genommen hat. Rechts steht die Hütte von Bethlehem, deren Strohdach auf antiken Pfeilern ruht, welche zum Teil mit Epheu übersponnen sind. Hier hat eine Schwalbe am Kapitäl ihr Nest gebaut, ein fetter Kapaun spaziert behaglich aus dem Dach herum, Vögel suchen im aufs gespeicherten Stroh nach verborgenen Körnen, und gleichmütig blicken Ochs und Esel über die Hürden hervor. Die Anbetung des Kindes aber mußte natürlich unter freiem Himmel geschehen, in einem blühenden Gottesgarten, wo Lilien und Rosen sprießen, wo ein junger Feigens baum schon die ersten Früchte gezeitigt hat nnd üppiges Myrtengebüsch am Boden wuchert. Das Ehristkind, von betenden Engeln behütet, liegt weich gebettet auf der grünen Erde und streckt verlangend die Ärmchen zu seiner schönen Mutter CAbb. 87J empor, welche, ganz in den Anblick ihres pErstgeborenen versunken, vor ihm auf die Kniee gesunken ist und ihre Wonne durch Gebet bemeistert. Hinter ihr steht Joseph, den gewaltigen Stecken in der Rechten, die Linke staunend erhoben, von dem Wunder, welches oben in der Lust die Engel durch das G10ria in Exce1sis verkündigen, weniger innerlich ergriffen, wie selbst die frommen Hirten, die einer nach dem anderen nieders gefallen sind, den Heiland der Welt zu bei grüßen. Ihr Führer ist ganz festlich ans gethan und trägt über dem Wams einen gelben, bunt gestickten Shawl. Er kam mit