462 Buch II. Kap. 4. der Literatur wieder hellere Klänge gab, ist ein Beweis von der unver- wüstlichen Spannkraft dieses eigenartigen Volkes, welches nach den unbe- fangensten Zeugnissen in seinen sogenannten niedern Klassen noch einen Schuh alter mannhafter Tugenden bewahrt, wie sie sonst in Europa kaum noch irgendwo gefunden werden. I) Mit Recht ist gesagt worden, daß das Testament Karls IV., welches einen französischen Prinzen auf den spanischen Thron berief, gleichsam auch das Testament der spanischen Nationalliteratur und Nationalbühne gewesen sei. Mit dem Bourbon hielt nämlich die französische Pseudoklassik, welche bis dahin nur als eine gelehrte Schrulle in Spanien existirt hatte, ihren Einzug in Madrid. Indessen waren die Wirkungen der großen nationalen Dichter im Gedächtniß des Volkes noch zu frisch, als daß das boileau7sche Wesen sich sogleich allgemein hätte geltend machen können, und zwei für die Bühne thätige, einflußreiche Dichter aus dieser Zeit, Jos6 Caf1izares (1676-1750) und Antonio de Zamora, bildeten durch Festhalten an den nationalen Ueberlieferungen und Vorbildern gegen den französischen Geschmack eine Opposition, welche, da sie ohne talentvolIe FortseHer blieb, nachmals durch die Bemühungen der pseudoklassisch-gallicistischen Literaten Luzan, dessen Poetik1737 erschien, Blas Nasarre, Montiano und Velasquez leider überwunden wurde. Von seht ab wurde es in der spanischen Gelehrten- welt guter Ton, auf die eigene Nationalliteratur mit Verachtung herab- zusehen und die pedantische Nachahmung der französischen Pedanten als einzig heilsam und bildend anzupreisen. Daher konnte einer der geistvollsten" neueren Literarhistoriker Spaniens mit Recht sagen: ,,Das 18. Jahrhundert vernichtete unsere literarische Nationalität (e1 sjg1o XV1Il. mat(5 nuestra nationa1jdad 1iteraria)." Nach französischen Mustern schneiderten Nikolas Fernandez de Moratin, Josk5 Cadahalso, Gaspar Melchior de Jovel- lanos, J. L. de Ayala, Thomas de Yriarte ihre kalten, leblosen Dramen. Von Yriarte (st. 1791) sind jedoch seine in altspanischen Metren gedichteten literarischen Fabeln als launig und anmuthig zu rühmen. Die spanischen Epiker und Lyriker des 18. Jahrhunderts, wie Es coiquiz (-Mexico conqui- stada((), Montengon und Arroyal, blieben gleich den DramatikeM auf oder unter der Fläche der Mittelmäßigkeit, über welches sich nur de! 1817 im Exil gestorbene Melendez Valdez erhob, welcher in Vil1egc1s" I) III) vetweise in dieser Beziehung auf das ebenso anziehende als belel)rende Reife- werk: -Zwei Jahre in Spanien und Poriugal" von M. Willkomm, 1847. Es werden hier sehr viele über Spanien und die Spanier gäng und gäben VoruriheiIs überzeugend widerlegt. Auch über die Entwickelung des geistigen Lebens Spinnens in des 19.-Jahrhunderts erster Hälfte wird viel Dankenwerthes beigebracht. Ebenso unter- richtend ist das von A. Ruge verdeutschte Buch ,,DaB heutige Spanien" von F. GarridV- 1863, und dasselbe gilt von W. Lauser"s Schrift ,,AuB Spaniens Gcgenwart", 1872-