309 weiter wird der Horizont, innner klarer die Richtung, die es inne: zuhalten gilt. Nur wenige Blätter, Zeichnungen nnd handschrifts liche Notizen Lionardo7s stehen uns zu Gebote: wie diese kümmers lichen Reste ehemaligen, wohl fiir immer verlorenen Reichthums sich aber vor meinem Blicke enthüllen, enthalten sie genug von der Entstehungsgeschichte der Eomposition, um uns ahnen zu lassen, wie Lionardo verfuhr. Wie er aus der bisher nur epischen Be: handlung der Scene zur dramatischen strebte und, nachdem einmal ein bestimmter Punkt gefunden war, von dem man ausginge, nach mannigfachen Versuchen derjenige endlich entdeckt ward, der dem Ganzen durchaus andere Gestaltung gab als in den Anfängen der Arbeit gewollt worden war. Eine der werthvollsten Pnblicationen Lionardo betreffend sind die beiden schönen Bände ,,The Literary W01s1cs of Le0narc10 da Vineitt von Dr. Jean Paul RichterHtJ. Hier finden wir das geringe, aber wichtige Material zusammen, ans dem die Vorgeschichte der Compvsition sich construiren läßt. Mögen wir es ordnen wie wir wollen, deutlich tritt die Arbeit der sich miihenden Phantasie hervor, die allmälig erst sich den Anschauungen entIoindet, mit denen begonnen 1oorden war. Roselli7s Abendmahl in der Sisti: nischen Capelle oder das dem Raphael früher zugeschriebene in Florenz zeigen uns am bequemsten, wie die Scene bis dahin gefaßt worden war. Ein stilles Beieinandersit3en, jeder Apostel mit sich beschäftigt oder höchstens dem Neben1nanne zugewandt. Lionardo scheint das von Anfang an gefühlt zu haben, daß ein zusammen: fassender Moment die Gestalten auf einen Punct vereinigen müsse. Das Natiirlichste war, Christi Worte, der, dem er den Bissen eins tauche, werde der Verräther sein, so zu fassen, als ob alle am VI Jch weiß, was gegen die Arbeit gesagt werden kann und auch gegen sie gesagt worden ist; jedenfalls ist sie die Frucht energischer Thätigkeit. Sehe ich von dem Verfehlten ab, was sich doch in wenig Worten hervorheben läßt, und vergleiche damit dass Gelungene und zu Dank Verpslichtende, was denn doch eine respectable Masse ausmacht, so würde ich mir undankbar er; scheinen, wenn ich nicht eingestehen wollte, wie viel Förderung und Genuß ich diesem Buche verdanke, dessen Verlust, wollte man es als nicht vorhanden ansehen, ein sehr empfindlicher wäre.