308 völlig von der Seite sichtbar. Sechs zu beiden Seiten Christi, und diese hier und dort wiederum in je zwei Gruppen von drei Aposteln getheilt. Jede dieser vier Gruppen in sich eine abgeschlossene Einheit bildend, alle aber auch wieder mit Christus, als ihrer Mitte, direct verbunden. Schon diese Theilung und zugleich Ver: einigung der Gestalten fordert zur Bewunderung heraus. Denn wie die Gruppen verschieden behandelt und zu einander in Gegen: satz gebracht und doch wieder alle vier zu einem Ganzen zusammen: gefügt sind nnd keine Figur ohne Rücksicht auf sämmtliche andere gedacht worden ist: dies zu verfolgen, lockt zu immer neuer Be: trachtung. Man bedenke nun, daß diese Zwölf, mit Christus, mehr als zwei Dutzend Hände sichtbar werden lassen, an denen jeder Finger sozusagen seine eigene Sprache redetl Man vergleiche, was die Kunst an sprechenden Händen übrigens hervorgebracht hat, mit denen hier: gleiO energische Bewegungen hat Michelangelo wohl gezeichnet, gleich schöne Raphael, wie ich denn keinen von den Dreien hier dem anderen nachsehen möchte, einen größeren Reich: thum aber an gleichem Ort und Stelle hat keiner,dargeboten. Und dieser Fülle und Mannigkeit das Uebrige entsprechend. Jede Figur, solange man sie betrachtet, erscheint als die Hauptsigur. Jede glauben wir zu durchschauen. Nichts in diesem Werke, bei dem man sich sagen müßte, es gehöre einem anderen Jahrhundert an und bleibe ein aus diesem sta1nmender, mehr zu betrachtender als zu berstehender fremder Rest, sondern das Ganze frisch gewachsen, als ob es eben entstanden sei. Und doch, wie wir heute urtheilen dürfen: all diese Con1po: sition nur langsam gewachsenes.Mensehenwerk. Es ist eine der er: hebendsten Arbeiten, verfolgen zu dürfen, wie auch die größten schuf: fenden Geister nur mühsam fortschreiteud ans Ziel gelangen. Ueber: all, wo wir bei Raphael, den ich hier als den Vornehmsten nenne, weil am meisten Material bei ihm für die Untersuchungen vorliegt, die Entstehung der Werke betrachten, gewahren wir, daß der Ge: danke sich langsam entwickelt, und wie das, was das eigentliche Lebenscentrum des Werkes ausmacht, zuletzt oder zu allerletzt erst hineinflog. Man sollte das Umgekehrte vermuthen, nirgends aber, wo ein Weg sich überhaupt erkennen ließ, war er anders. Jmmer