306 wird. Liouardo war der Anlage nach vielleicht der am reichsten Begabte von ihnen, den Schicksalen nach aber, die ihm selber wie seinen Werken beschieden waren, der am wenigsten Gliiekliche. Wie fast alle seine Werke, ist auch sein Abendmahl vom Tage der Ents stehuug an raschem Untergange geweiht gewesen. Ich sage vom Tage der Entstehung an, weil Lionardo7s Eigensiun, mit Oelfarben auf eine ihrer Anlage nach feuchte Wand zu malen, die Vernichtung vorbereitete. Daß das Abendmahl die vornehmste unter seinen Schiipfungen gewesen sei, schließen wir aus einigen auf uns ges kommenen Urtheilen Gleichzeitiger; daß die Vernichtung schon früh begann, entnehmen wir ebenfalls zeitgeniissischen Berichten. Die Lebenskraft des Werkes aber ermessen wir daraus, daß, nachdem dieses Zngrnndegehen dreihundert Jahre gedauert hatte, nach. den noch kaum sichtbaren Spuren von Lionardo7s eigner Arbeit Morgs hen7s Wiedererschaffung entstand, die, wie ich sagte, an die Stelle des Werkes selbst tretend, es der Menschheit ersetzte. Niemals vorher war dergleichen von einem Kupferstecher geleistet worden. Denn so hoch auch der Stich anzuschlagen ist, den Edelinck nach Lionardo7s gleichfalls zerstiirter Reiterschlacht gemacht hat, und der hier etwas in noch höherem Grade Vernichtetes und Verlorenes wieder ins Leben rief, so steht dies Gemälde an geistigem Inhalte dem Abendmahle nicht gleich, das wohl als die herrlichste und er: greifendste Darstellung bezeichnet werden kann, die wir aus der Geschichte Christi besitzen, und das, mag man es betrachten wie man will, Unübertrefflich genannt werden darf. Denn was uns bei den Werken antiker Kunst immer wieder in den Sinn kommt: daß sie von der Natur selber hervorgebracht zu sein scheinen, als habe es eine Zeit gegeben, wo die schaffende irdische Kraft nicht nur die Dinge, sondern Abbilder der Dinge zugleich mit habe wachsen lassen, dies Gefühl erweckt auch Lionardo7s Abendmahl. Die Composition ist bekannt und so oft, auch von mir selbst, in Worten dargestellt worden, das; es als zuviel erscheinen möchte, das, was Jedem wie vor den Augen steht, noch einmal vorzuerzählen. Aber es gibt gewisse Dinge, an denen die Welt nicht genug haben kann, wie Kinder an manchen Märchen, die sie immer von Neuem