Ursprung des Uebel6. 137 Wie er die zweite Frage erledigt, haben wir bereits angedeutet; aber auch unsere ganze bisherige Darstellung ging darauf hinaus, den Zusam- menhang der wachsenden Entfittlichung mit dem Untergange der Welt als den Gesichtspunkt nachzuweisen, welchen die Sehr-rin der Wölufpa von Anfang an festhält und bis zu Ende durchsührt, wie es freilich die deutsche Mythologie, welche die Wöluspa in der Kürze zusammenfaßt, überhaupt thut, so daß er als ihr leitender Grundgedanke anzusehen ist. Darum scheint es mir nicht zu kühn zu sagen, dnsz wir nächst der Germania des Tacitus kein schöneres Denkmal der sittlichen Herlichkeit unseres Volkes besi3eu, als die Edden nnd namentlich die Wöluspa. Einige möchten das Bewustsein der deutschen Götter von ihrem künf- tigen Untergange so deuten als hätte der heidnische Glaube seine eigene Unzuliinglichkeit gefüllt und die Ahnung, daß seine Götter fallen nnd dem Christengotte weichen mästen, in der Dichtung non dem legten Weltkampfe ausgesprochen. Aber so gern ich anerkenne, daß der heidnische Glaube dem Christenthume gegenüber unzulänglich ist, so kann ich doch ein Be- wustsein davon dem Heidenthume nicht beimessen. Es würde ja dann die WiedergebUrt der Götter nicht behauptet und den Kampf gegen die zer- störenden Mächte zur .Hauptthätigkeit der Götter gemacht, ja die Unter- fküs3ung der Götter bei diesem Kampf zur religiösen Pflicht der Menschen erhoben haben. Ein Gott der Erinnerung wie Widar, der Göttern und Menschen ein neues reiner-es Dasein erkämpft, bliebe bei solcher Voraus- sex;ung ganz unbegreiflich. Läßt doch auch das Ehristenthun1 selbst in der Ankündigung des Antichrists für eine kurze Zeit die Mächte der Unterwelt den Sieg gewinnen ehe das ewige Weltreich anbricht. Die Dichtung von dem Untergange der siindigen Götter und ihrer Wiedergeburt in der er- neuerten, entsühnten Welt ist vielmehr ein Versuch, das große Problem von dem Ursprung des Uebels zu lösen, das auch in andern Mytho- Iogieen zu den tiefsinnigsten Dichtungen Veranlassung gab. Um diese Frage dreht Ach eigentlich Alles, sie ist auch bei uns der Hebel, der das ganze Götterdrama in Bewegung setzt. Worüber die Philosophen von jeher die Köpfe zerbrachen, auch den dichtenden Volks?-geist hat es frühe beschäftigt. Das Uebel ist nicht ohne Schuld der Götter entstanden; aber sie werden diese Schuld im lehten Kampfe sühnen und dann eine neue, bessere Zeit kommen nnd schuldlose Götter die wiedergeborene Welt beherschen. Wie wenig uns diese Lösung befriedigen möge, ehe das Ehristenthnm in die Welt kam war eine bessere schwer zu finden.