38 Honigthau. Jwein. Die Esthe Yggdrasil duldet Unbill Mehr als Menschen wißen. Der Hirsch weidet oben, hohl wird die Seite, Unten nagt Nidhöggr. Wissen wir auch nicht alle diese Bilder zu deuten, so sehen wir dort) den Weltbaum von den Hirschen, von der Ziege, von Schlangen ange- nagt nnd dabei fault feine Seite. Alles das sind Andeutungen der Ver- gänglichkeit, des unvermeidlichen Untergangs der Welt. Um diesen aber noch so weit als möglich hinauszuschieben, pflegen die Namen, welche an Urds Brunnen wohnen, täglich Waßer aus dem Brunnen zu nehmen und es zugleich mit dem Dünger, der um den Brunnen liegt, ans die Esche zu sprengen, damit ihre Zweige nicht dorten oder faulen. ,Diesz Wasser ist so heilig, daß Alles was in den Brunnen kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt.' So wird gesagt: Be-gossen wird die Esche, die Yggdrasil heißt, Der geweihte Baum, mit weißem Nebel. Davon kommt der Thau, der in die Thäler fällt; Jmmet-grün steht er über Urds Brunnen. ,Den Thau, der von ihr auf die Erde fällt, nennt man Honigthau; davon ernähren sich die Bienen.' D. 16. In deutschen Märchen, wo die- ser Brunnen häufig vorkommt, soll das Wasser des Lebens aus ihm geholt werden. Seiner Heiligkeit wegen läßt man ihn hüten, das; nichts Unreines hineiufalle. Ein reiner Jüngling, dem dieses Wächteramt über- tragen ist, taucht seinen Finger hinein, der sogleich golden wird; ein an- dermal läßt er sein langes Haar hineinfallen: auch das wandelt sah in lauteres Gold. Es ist derselbe Brunnen, dessen Wasser Jwein auf den Stein schüttet, worauf sich Ungewitter erhebt. Statt des Lebenswas;ers sollen in andern Märchen goldene Aepsel von dem Baume geholt werden, der über dem Brunnen steht. Diese Aepfel, welche dieselbe verjiingende und heilende Kraft haben wie das Wasser aus dem Brunnen, kommen auch in der Edda vor; vergessen ist aber, daß es die Früchte des Welt- baums sind, was freilich auch z"u dessen Auffaßung als Esche, die mit dem Honigthau zusammenhängt, nicht stimmen würde. Nehmen wir hinzu, daß die Ziege Heidrun, die an den Zweigen Lärads weidet, die Einherier aus ihrem Euter mit Milch versorgt, und von dem Geweih Eikthyrnirs die Ströme der Unterwelt niederrinnen, so gesellen sich zu den Bildern von der Vergänglichkeit der Welt andere, welche die Esche als den allnährenden Weltbaun1 (vic1l1 al(11-name) bezeichnen, wie er Wöluspa 51 heißt. Er erscheint aber nicht blos; als ein Baum der Welt im heutigen räumlichen Sinne des Worts, er ist auch ein Baum der Zeit: Raum und Zeit gehören zusammen; erst so bilden