4 Entwicklungsgang, Mythenvetsrhiebung. .der innern, da er aus Leiblichen1 und Geistige1u besteht, sein Leben sich in Wechselbeziehnngen zwischen Natur und Geist bewegt, so müßcu es auch seine Götter. Die Einheit von Geist und Natur macht uns das Studium der Mythologie recht anschaulieh, denn Uebergiinge aus dem einen in das andere überrascheu uns da Schritt für Schritt. Ich will noch näher anzugeben versuchen, welchen Entwickelungsgang die Mythen zu nehmen pflegen, indem sie von dem natürlichen Gebiet auf das sittliche hinüber rücken. Ursprünglich bezogen sich die Mhthen ans das Naturleben im Kreis3lanf des Tages oder Jahres. Aber Tagesn1ytl)en erweitern sich zu Jahresmythen, weil der Sommer der Tag, der Winter die Nacht des Jahres ist. So sind auch noch Sommer- und Winter- mhtheu erweiternder Umbildungen fähig; der erste Schritt, der hier zu geschehen pflegt, ist ihre Uebertragnng auf Leben und Tod, denn der Winter ist der Tod der Natur, der Sommer weckt Pflanzen nnd Thiere zu erneutem Leben. Mit dieser zweiten Erweiterung ist schon ein Riesen- schritt geschehen: Tod und Leben sind die großen Probleme, womit sich alle Mr)thologieen zu beschäftigen pflegen. Aber dabei bleiben sie nicht stehen; am Weuigsten thut das die unsere. Mit diesem Leben ist es nicht zu Ende; der Tod ist kein Tod aus ewig: wie auf den Winter, den Tod der Natur, ein neuer Frühling folgt, ein neues Leben, so ist auch vom Tode noch Erlösung zu hoffen, die Hölle läßt ihre Beute wieder fahren, die Pforten der Unterwelt können gefprengt werden, und gerade dies; ist der Inhalt vieler deutschen Mythen, Märchen und Sagen. Die Bedin- gungen, au welche diese Erlösung geknüpft ist, rücken den Mythus von selbst auf das geistige Gebiet, sie empfangen nun eine sittliche Bedeutung, während sie ursprünglich nur eine natürliche hatten. Aber auch diese Erweiterung ist noch nicht die letzte, deren sich die Mythen fähig zeigen: nicht blos; die Schicksale der einzelnen Menschen sind von Geburt nnd Tod begrenzt, auch die Welt wird geboren: wir nennen das Schöpfung; au- dererseits verfällt sie dem Tode: das ist was wir Weltuntergang zu nennen pflegen. Die Schöpfungsgeschichte ist ein Gegenstand aller Mythologieen; der deutschen Mythologie ist esleigenthiimlich, daß sie auch den Untergang der Welt ins Auge faßt, ja ihn zum Hauptgegenstand ihrer Anschauungen erhebt. Hier erfahren nun die Mythen ihre legte nnd mächtigste Erweiterung: ursprünglich nur auf den Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter, also den Kreißlauf des Tages, des Jahres bezüglich, werden sie nun aus das große Weltenjahr ausgedehnt: denn auch mit dem Untergang der Welt ist es nicht zu Ende, es folgt ihre Erneuerung, ihre Wiedergeburt, die Erde taucht aus der allgemeinen Flut wieder ans und grünt, die Acker tragen unbesäet und verjüngte, entsiihnte Götter werden ein geistigeres Menschengeschlecht beherrschen, das irdische