Wahrheit und Dichtung zugleich, Wahrheit dem Inhalte, Dichtung der Form nach. Die in der Form der Schönheit angeschaute Wahrheit ist eben Dichtung, nicht Wirklichkeit: Wahrheit nnd Wirklichkeit werden nur zu oft verwechselt. Wirklich ist der Mythus nicht, gleichwohl ist er wahr. So lange die Mythen noch Gegenstand des Glaubens blieben, durfte man nicht sagen, daß diese Gedankenbilder nicht wirklich seien, daß die Dichtung Antheil an ihnen habe: sie wollten unmittelbar geglaubt, für wahr und für wirklich zugleich gehalten werden. Es gab also damals nur Mythen, noch keine Mythologie, denn die Deutung der Mythen, die höchste Aufgabe der Mythologie, war untersagt. Jeht aber sind die My- then nicht mehr Gegenstand des Glaubens und sollen es auch nicht wieder werden; wir sollen nicht mehr an Odin oder Wnotan, nicht mehr an Th6r oder Donar, an Freyja oder Frouwa glauben; aber darum sind es nicht lauter Jrrthiimer, was unsere Vorfahren von diesen Göttern träum- ten: es liegt Wahrheit hinter dem Scheine; aber nur durch die Deutung der Mnthen kann man zu dieser Wahrheit gelangen. War diese Deutung damals untersagt, als sie noch Gegenstand des Glaubens waren, als jene Götter noch verehrt wurden, als ihnen noch Opfer fielen, noch Altare rauchten, so ist sie jetzt erlaubt wie Pflicht des Forfchers, und dem christ- lichen Gotte, der ein Gott der Wahrheit und der Wirklichkeit ist, kann damit nur gedient sein, wenn die Unwirklichkeit der alten Götter nachge- wiesen wird, denn die zu Grunde liegende Wahrheit verwirft das Christen- thu1n nicht, ja es pflegt He als der Uroffenbarung angehörig für Ich in Anspruch zu nehmen. Wenn die Mythen für den Glauben jetzt Alles verloren haben, so haben sie für das Wissen gewonnen; es giebt erst jeht eine Mythologie, eine Wis;enschaft der Mythen. Sie lehrt uns erkennen, daß den religiösen Anschauungen der Völker geistige Wahrheit zu Grunde lag, der Jrrthu1n aber darin bestand, daß die täuschenden Bilder, in welche die Dichtung jene Wahrheiten kleidete, für wirklich angesehen wurden. Die Urosfenba- rung war verdunkelt oder gar verloren, den Gedankenbildern der Dichtung lag oft die volle Wahrheit nicht zu Grunde: um so weniger konnten sie genügen und mit dem Scheine der Wirklichkeit lange bestechen. Jn der That ergiebt die Geschichte des deutschen Heidenthums, wie es die Geschichte des aniiken gleichfalls ergiebt, das; die heidnische Form des religiösen Bewust- seins sich ausgelebt hatte, als das Christenthum in die Welt trat, oder doch als es den nordischen Völkern Verkündigt wurde, mithin der Glaube an den einigen Gott, der ohnediesz allen heidnisihen Religionssr)stemen zu Grunde lag, schon im Gemiithe der Völker vorbereitet war. Auf dem Wege innerer Entwickelung war der heiduische Glaube dahin gelangt, den einigen Gott zu ahnen: ihn erkennen zu lehren, bedurfte es äusserst Mittheiluug.